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Unser Dorf liest

Arbeitskreis "Unser Dorf liest"

Die aktuelle Kolumne von Martin Drebs

(frühere Kolumnen finden Sie im  Archiv)

 

„Das Trauerspiel von Afghanistan“
1016. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.9.2021

Liebe Freunde des historisierenden Gedichts!

Wir bringen hier ja oft die Klassiker, Fontane zum Beispiel. Wunderbar seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ oder der Roman „Effi Briest“. Hier eines seiner Gedichte aus dem Jahre 1859:

„Das Trauerspiel von Afghanistan“ – in alter Schreibweise.
Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „„Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.““
Afghanistan! er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Commandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er athmet hoch auf und dankt und spricht:
„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Cabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.
„Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“
Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.
„Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,
Trompeter, blas’t in die Nacht hinaus!
Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.
Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.“


Kann eine Orgel digitalisiert werden?
1015. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 9.9.2021

Liebe Orgelfreunde!

Die Orgel der Bordenauer St. Thomaskirche soll demnächst restauriert werden. Wie fühlt sie sich vor diesem Eingriff? Hänschen Schlaumeier nennt die Orgel - wegen ihres berühmten Vaters Christian Bethmann - etwas respektlos nur einfach `Betti´. Das hört sie nicht so gerne. Aber Betti ist auch eine kleine Plaudertasche und geht trotzdem bereitwillig auf alle an sie gerichteten Fragen ein.
Hallo Betti!
Sag nicht immer `Betti´ zu mir!
Ja, Betti! Aber darf ich dich mal was fragen´?
Meinetwegen! Schieß´ los!
Wenn du jetzt total überholt wirst, könnte man da deine Klangerzeugung nicht gleich digitalisieren?
Quatsch! Ne richtige Orgel hat Pfeifen!
Aber wir leben doch heute im Zeitalter der Computer und Digitalisierung! Ich sah neulich bei einem namhaften Feinkostladen ein E-Piano für unter 90 €!
Jetzt halt aber mal die Luft an! Ich bin eine Orgel! Wir Orgeln zählen zum ideellen Weltkulturerbe, wir sind das Instrument des Jahres 2021!
Du meinst also: „Kunst hat´s schwer, doch Mist kommt immer an!“?
Nein das habe ich nicht gesagt! Jedes Instrument an seinen Ort, jedes für seinen Zweck!
Aber leben wir jetzt nicht alle im 21. Jahrhundert?
Ja, stimmt! Aber wir Menschen sind immer noch analog! Unsere Augen und Ohren werden auch in Zukunft analog bleiben. Ja, selbst unsere Enkel werden mit dem Mund essen und trinken und nicht an einer Ladesäule aufgeladen.
Du meinst also, wir sollten zum Auftanken lieber zu dir in die Kirche kommen?
Ich würde mich freuen, dich da wiederzutreffen! Vielleicht frage ich dich dann, was du hören möchtest! Aber tu´ mir bitte einen Gefallen: lass deine CDs bitte zuhause! Ich werde auch nach meiner Restaurierung kein Laufwerk haben!
Ach, übrigens Digitalisierung, liebe Leute, Ihr könnt zum Auftaktgottesdienst zum Projekt „Orgel retten - Wohlklang bewahren" am Sonntag um 10 Uhr in die St.Thomas-Kirche auch so kommen, ohne Euch groß elektronisch anzumelden; nur diese drei G-Regeln und das bisschen Abstand, das schafft ihr schon; und ich klinge besonders stark, damit alle mich hören können!


Wann wird es im Theater wieder hell?
1014. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.8.2021

Liebe Lesende!

Bald geht es vielleicht wieder los mit dem lebendigen Theatererlebnis, wie einige Male ja schon auf der Otternhagener Waldbühne. Dieser Tage stießen wir auf ein Zitat des Intendanten des Bochumer Schauspielhauses Johan Simons: „Wir haben zunächst gefilmt, kleine neue Stücke, geschrieben für unser Ensemble, inszeniert als Kurzfilme. Aber etwas fehlte. Erst wenn jemand zuschaut, wird es hell. Wenn jemand anders als wir selbst, die wir es machen, zuschaut. Erst dann ist es Theater. Wir haben gemerkt, dass das, was uns so selbstverständlich erschien, etwas Besonderes ist und unersetzlich: dass Menschen, die zuschauen, mit ihrem Blick verändern, was wir tun, es vervollständigen.“ Diese gegenseitige Resonanz kann uns keine „Mattscheibe“ ersetzen. Freuen wir uns auf unsere erwünschte Mitwirkung!


Gesa Elsner: "Lichtlinien"
1013. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 21.8.2021

Liebe Lesende!

Dieser Tage haben wir noch über die Buchkunstpresse von Peter Marggraf berichtet, heute können wir über eine weitere literarische Köstlichkeit unserer Neustadter Dichterin Gesa Elsner berichten: "Lichtlinien", frisch gedruckt in Berlin und von Stefan Cseh in Forchheim hochwertig handgebunden, vereint das Künstlerbuch "Lichtlinien" Linoldrucke des Dresdener Künstlers Steffen Büchner und Gedichte eben der Lyrikerin Gesa Elsner aus Neustadt. Die "Lichtlinien" wurden in der Corvinus Presse von Hendrik Liersch veröffentlicht, der in seiner Kunstdruckerei 2019 mit "Eva" bereits das erste gemeinsame Künstlerbuch konzipierte und herausgab. Lichtlinien und Licht hält Büchner in wunderbar präzisen und reduzierten Arbeiten für den Betrachter fest, auch wenn in ihnen menschliche Einsamkeiten - auch während der Corona-Pandemie -dokumentiert werden. Das Spiel von Hell und Dunkel bestimmt dann auch die Gedichte Gesa Elsners, sowie die Idee des Philosophen Jean Paul: "Sprachkürze gibt Denkweite." Im Künstlerbuch "Lichtlinien" finden sich insgesamt 11 signierte Linoldrucke und 8 Gedichte, gedruckt auf 230g Alt Lünen- Bütten aus der Hahnemühle von 1584. Es ist in einer Auflage von nur 22 Exemplaren erschienen. Lesen wir das Gedicht „sieben dornen“:
„was ich einst mit mir führte
apfelschnitze und birkenrinde
ein zicklein
meine muttersprache und süßen rauch
sieben dornen gegen sieben arten einsamkeit
heute kommt nicht einmal mehr
der wind mir nah
so hocke ich in wänden
was wärmt mich was heilt
nicht die art einsamkeit blieb
die ich wählte
mein atem ist eng
die welt ergießt sich in weite“


“Diesen Ball hat er nicht richtig gelesen”
1012. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 14.8.2021

Liebe Lesende!

Eine kleine olympische Nachlese: Georg Bernard Shaw sagt über dieses Sportereignis: „Olympische Spiele sind eine wundervolle Gelegenheit, Zwietracht auch unter solchen Nationen zu stiften, die sonst keine Reibungsflächen haben.“ Nun mit China hat Deutschland einige Kontroversen, doch sportlich war das packende Finale im Tischtennis wieder eine professionelle Angelegenheit. Nun kennt in China kennt jedes Schulkind Timo Boll; doch wenige Neustädter erinnern sich an die Kolumne vom 27.8.2008 an dieser Stelle: „Eine ganz kuriose Lesart ergab sich in der letzten Woche bei den Olympischen Spielen in der Disziplin Tischtennis. Sportkommentator Michael Creutz berichtet über das Finale zwischen Malin für China und Timo Boll für Deutschland im Mannschaftsfinale der Herren. Dabei sagte Creutz, Timo Boll könne aus kurzer Distanz die Aufschrift auf dem Tischtennisball lesen, auch wenn sich dieser mit hoher Geschwindigkeit bewege. Und daraus, wie sich die Schrift drehe, könne er eben den Spin des Balles ermitteln, um seine Antwort, nämlich den siegreichen Schlag, vorzubereiten. Und Sportkommentator Michael Creutz steigerte sich im Laufe seiner Reportage noch: “Diesen Ball hat er nicht richtig gelesen”. Jetzt also wissen wir, wie wir auch den Letzten noch ans Lesen bekommen: schreiben Sie Ihren Brief einfach auf einen Tischtennisball und spielen Sie mit ihrem Partner! Dass diese Art zu lesen allerdings nicht vor übriger Blindheit schützt, gab wohl Timo Bolls Ehefrau zur Kenntnis: “ Wenn am Boden dreckige Wäsche rumliegt, sieht er das nicht!” Merke: Nicht jeder, der die Aufschrift von Hochgeschwindigkeitsbällen lesen kann, eignet sich auch gut für die so wichtige Hausarbeit!“ Ich habe, bevor ich diese Kolumne schrieb, noch schnell die Küche gemacht, aber ich habe ja auch kein Silber gewonnen.


Zwei Ameisen
1011. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 7.8.2021

Liebe Leser-innen und außen!

Alles geht wieder auf Reisen oder plant sie zumindest, und Joachim Ringelnatz beobachtet dabei zwei Ameisen:
„In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Denn auf den letzten Teil der Reise.
So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.“


Peter Marggraf
1010. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 31.7.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

1996 gründete der Bildhauer Peter Marggraf die San Marco Handpresse. Er setzt Texte und Gedichte mit der Hand oder auf der Linotype in Blei und druckt diese dann auf einem Handtiegel. Er bindet die einzelnen Lagen mit der Hand zu Büchern und legt Originalgrafiken hinein. Peter Marggraf lebt seit 1974 in Bordenau und einige Zeit des Jahres in Venedig. Dort zeichnet und druckt er. Alle Bücher und Grafiken sind auf Büttenpapieren gedruckt, sie sind nummeriert und signiert und werden in einer kleinen Auflage hergestellt. So sind Bücher von Rilke, Trakl, Heine, Büchner, Kafka, oder von Celan und Bachmann entstanden.Diese Bücher werden von europäischen und amerikanischen Buchliebhabern gesammelt. Das Land Niedersachsen kauft von jedem Buch ein Exemplar an, die in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover aufbewahrt werden. Im Buch- und Schriftmuseum in Leipzig, im Dommuseum Hildesheim und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sind ebenfalls zahlreiche Arbeiten von Peter Marggraf vorrätig. Seit 2009 gibt es in der San Marco Handpresse die kleine weiße Buchreihe „I libri bianchi“. In dieser Reihe werden Texte oder Gedichte grafischen Arbeiten von Peter Marggraf gegenübergestellt. Eine kleine Reihe mit Reproduktionen als Bebilderung. Digital gedruckt in einer Auflage von 100 Exemplaren. Inzwischen ist der 46. Band erschienen. Jedes Buch, handgebunden, fadengeheftet mit Schutzumschlag, signiert und nummeriert, kostet 25 Euro. Der 44. Band dieser Reihe galt dem Dichter Hans Georg Bulla aus der Wedemark. Das Buch mit den Gedichten von Hans Georg Bulla und den Malereien von Peter Marggraf trägt den Titel „Ein letztes Blau in die Augen gerieben“. Hier eine Leseprobe:

„Erntefeld“
Hinter dem Mähdrescher
aufmerksam und aufrecht
gehen zwei Störche.
Sie sehen, was sie sehen
und manchmal fahren
ihre Schnäbel zu Boden.
Übers Feld zieht der Staub
der Ernte und der Qualm
aus dem Diesel.


Ulrike Draesner: "Schwitters"
1009. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 17.7.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Am Dienstag, dem 27. Juli 2021, kommt um 19 Uhr die mehrfach prämierte Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ulrike Draesner nach Neustadt in den Rosenkrug. Im Rahmen einer Veranstaltung des „Philosophischen Cafes“ wird Draesner einen Auszug aus ihrem Roman „Schwitters“ (erschienen 2020) vorstellen, der zeigt, wie Schwitters Elemente der Natur des Lake District in seinen letzten Merzbau überträgt, was der Roman wiederum in Sprache übersetzt. Und sie entführt uns mit ihrem  „Natur Schreiben“, zu Deutsch „Nature Wrigting“ an den Nordpol: „Ich bin ver/rückt, alles schaukelt schürft knarzt, ich gebe meine gesamten Ersparnisse aus, verzichte auf Komfort, Fisch statt Cappuccino, was hast du denn gedacht, Handy sinnlos, Bluetooth-Kopfhörer sinnlos, Empfang: null, zero, nada, Schluss. Man kann sich eine Emailverbindung kaufen, ich verzichte. Arktische Stille? Nicht so einfach wie gedacht. Alles hier hat eine andere Bedeutung. Kein Sonnenuntergang, kein Sonnenaufgang, nichts als dieses minimale Sonnenschwanken, diese Zitterbewegung am Lichthimmel, dieses irritierende Hängen, diese Endlosigkeit. Ein Lachen des Lichts. In Ny Ålesund werfe ich eine Karte in einen roten Kasten. Nördlichstes Postamt der Welt. Brandgänse stolzieren in den Wiesen zwischen Messapparaten. Hinter dem Ankermast, von dem die Polarforscher Amundsen und Nobile im Mai 1926 im Heißluftballon zum Nordpol starteten, endet die Welt – keineswegs. Hier ändert sie sich. Zeichenlos bleiben und nur „denken“ an jemanden oder etwas. Die Welt, das, was wir gemeinhin so nennen, wird ersetzt durch etwas, das anfangs wirkt wie ein Bild: Wind, Sonne, glitzerndes Eis. Ist das Wirklichkeit?“


Sommerwind
1008. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 10.7.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Horst Meister hat in den letzten Jahrzehnten oft beim lesenden Dorf mitgemacht. Er hat ebenso viele schöne Geschichten und Gedichte erfunden. Hier sein „Sommerwind“:
„Hei, Sommerwind!
Ich singe dir ein Lied.
Ich liebe es,
wenn du im Frühjahr
ins frische, grüne Blattwerk fährst
und die Kronen sich neigen.
Ich liebe es,
wenn du die Wolken treibst
und sie zu immer neuen
Bildern modulierst.
Ich liebe es,
wenn du in der Sommerhitze
die dünnen Kleider der Frauen
umwehst und sie an ihre
Körper drückst und das
Schöne an den Frauen
sichtbar machst.
Ich liebe es,
wenn du die erhitzten und
schweißnassen Gesichter mit
herrlicher Kühle streichelst
und sie dein Frische
atmen lässt.
Ich liebe es,
wenn du über die Getreidefelder
streifst und sie wie bewegtes
Wasser erscheinen.
Ich fürchte die Zeit,
wenn der feuchte West
und der kalte Nord
dich vertreiben.
Ich warte
auf dich und den
nächsten Sommer.“


Reiseschuhe
1007. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 24.6.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Barbara Weißköppel aus Kleinheidorn hat uns ein neues Gedicht mit dem Titel „WESER“ und den typischen Großbuchstaben geschickt:
DER STROM, GLITZERNDES
BAND AUS WASSER UND LICHT,
BREIT DURCHZIEHT
ER DAS LAND, GIBT
IHM GESICHT,
SPIEGELT WOLKEN UND
HIMMEL, SPRICHT
MIT GRÜNDENDEN UFERN
GIBT VÖGELN SCHUTZ
UND LEBENSRAUM, IST
BILD VON VERGANGENHEIT,
GEGENWART, IST
ZUKUNFTSTRAUM.


Reiseschuhe
1006. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 3.6.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Selbst der olle Eichendorff freut sich über die Lockerungen:
„Mich brennt´s in meinen Reiseschuh´n,
Fort mit der Zeit zu schreiten -
Was sollen wir agieren nun
Vor so viel klugen Leuten?

Es hebt das Dach sich von dem Haus
Und die Kulissen rühren
Und strecken sich zum Himmel 'raus,
Strom, Wälder musizieren!

Da gehn die einen müde fort,
Die andern nah´n behende,
Das alte Stück man spielt's so fort
Und kriegt es nie zu Ende.

Und keiner kennt den letzten Akt
Von allen, die da spielen,
Nur der da droben schlägt den Takt,
Weiß, wo das hin will zielen.“


Erinnerungen eines alten Mannes
1005. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 20.5.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Paul Cornelius hat uns einen eindrucksvollen Text über die Erinnerungsversuche eines alten Mannes geschickt: „Mühsam schleppte er sich die Treppe hinauf, die Schritte fielen ihm schwer, jede Stufe schien höher, und er schnappte nach Luft. Er schlurfte weiter, stützte sich am Türrahmen ab und setze sich dann etwas umständlich an seinen Schreibtisch; er hatte vergessen, warum er nach oben wollte. Seine Gedanken kreisten und kreisten um Gedanken, die gedankenlos durch seinen Kopf trieben. Die Erinnerung versuchte sich zu erinnern, daran, dass er doch eigentlich nicht alleine war in der Dunkelheit des Alterns! Lächelnde Gesichter liefen, rasten, hetzten wie „Eisenbahnscheibengesichterflitzer“ auf seiner inneren Leinwand knapp vor seinen Augen vorbei. Vorbei! Nur flüchtende Nähen, blitzartige gaukelnde Versprechungen wie bunte süße Kaugummikugeln in übervollen Automaten sich immer wieder dem billigen Zugriff entziehend. Absichtslos griff er nach dem Fotoalbum und blätterte beiläufig durch die Seiten wie durch einen Katalog, der alles versprach und nichts hielt. Doch ab und an überschnitten sich die inneren Gesichter mit zufällig offen liegenden Abbildern, und er meinte, jemand erkennen zu können, der mit ihm war dereinst, ihn wirklich meinte, ihn ausgemacht hatte. Die kleinen Schwarzweißbilder der Wälder legten ab und zu helle Punkte frei: Pilze! Natürlich waren es die Pilze, an sie konnte er sich erinnern, sie hatten sie gepflückt – mit übergroßer Freude, sie gefunden zu haben, bunt auffällig, in der Fülle des Überflusses, auch jene, von denen sie ahnten, sie könnten sich berauschend daran vergiften, aber es war nur ein weiterer Spiegel ihrer unendlichen Verliebtheit, ein Unterpfand ihrer reinen Liebe, die durch nichts zerstört werden konnte, im Gegenteil, die Gefahr des nahen Todes und dessen Scheitern machte ihre Liebe unzerstörbar. Er lehnte sich zurück, schmeckte die Bittersüße der Erinnerung und schloss die Augen.“


Die Mainacht
1004. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 13.5.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Unser Marienseer Altmeister Ludwig Hölty (1748-1776) schmachtet mit uns durch:

Die Mainacht
Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blickt,
Und sein schlummerndes Licht über den Rasen streut,
Und die Nachtigall flötet,
Wandl' ich traurig von Busch zu Busch.
Selig preis' ich dich dann, flötende Nachtigall,
Weil dein Weibchen mit dir wohnet in einem Nest,
Ihrem singenden Gatten
Tausend trauliche Küsse gibt.

Überschattet von Laub, girret ein Taubenpaar
Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich,
Suche dunkle Gesträuche,
Und die einsame Träne rinnt.

Wann, o lächelndes Bild, welches wie Morgenrot
Durch die Seele mir strahlt, find' ich auf Erden dich?
Und die einsame Träne
Bebt mir heißer die Wang herab.


Mein Pfirsichbaum
1003. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.4.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Sie gilt als die Meisterin der kleinen poetischen Form: Gesa Elsner. Jetzt hat sie zusammen mit der Stadtbibliothek Neustadt am Rübenberg zu einem Schreibwettbewerb eingeladen: „Gedanken, Gedichte, Geschichten, ein Haiku, einen Brief, ein Lied, gesammelt, gereimt, gesetzt oder geschüttelt – schreibe und gestalte, und ab damit ins Kästchen, ins Wortkästchen.“ Alles zum Thema Frühling!“ Jeden Sonntag, um ca. 16.45 Uhr können nun alle Literaturinteressierten auf Leineradio einem besonderen Hörgenuss lauschen. Dann und am folgenden Sonntag zur selben Uhrzeit werden einige der eingereichten Wortschätzchen vorgestellt; diesmal das Gedicht „Frühling 2021“ von Gisela Rahlfs, gelesen von Marita Hütig. Und Gesa Elsner bleibt die kleine poetische beeindruckende Form:

„Frühling
mein pfirsichbaum
will tausend blüten treiben
verheißungsvoll
lächelnde gesichter werden sie
allesamt“


MASKENBALL
1002. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.4.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Viele Künstler haben sich in letzter Zeit auch mit Masken beschäftigt. So erreichte uns auch das Gedicht MASKENBALL von Dietrich Krome aus Wunstorf:

Es war im Jahre zwanzigzwanzig:
Man ging hinaus – nahm sich was mit.
Vergaß die Maske dabei nicht,
Verbarg damit halb sein Gesicht –
Zum Maskenball, der ganz legal
Auf einmal angeordnet war.

Man stand herum und dachte sich:
Die Mode hilft mir dabei nicht!
Es herrscht Corona-Maskenpflicht,
Wo man sich sonst – so gerne trifft!
Der Maskenball ist angesagt –
Kaum jemand davon angetan.

Man verstand und sagte sich:
Der Zwang gilt ja nicht überall.
Hat allein dann ungefragt
Die Maske einfach fallen lassen –
Und befreit ganz unumwunden
Wieder zu sich selbst gefunden.


„Das Märchen vom Märchen“
1001. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 22.4.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Was machen wir in der 1001.Kolumne? Wir bringen ein Märchen aus 1001.Nacht. Scheherazade Annegret erzählt „Das Märchen vom Märchen“: Es war einmal ein Märchen, das hatte alle Märchen, Geschichten, Bilder und Symbole in sich; alle Meere, alle Berge und Wälder, Gold und Könige, aber auch dunkle Schatten, Hexen und Wölfe. Das Märchen zog wohlgemut durch die Welt und wo immer es hinkam, setzten sich die Menschen zusammen und hörten mit erstauntem Herzen zu. Wenn das Märchen erzählte, so hörten die Menschen jeweils das, was sie verstanden und ihnen guttat. Die Kinder hofften zurecht auf das gute Ende, die Großen waren von der tiefen Weisheit berührt. Und das fand unser Märchen aller Märchen wunderbar. Aber als die Menschen dazu übergingen, die Ganzheit des Lebens im andern Menschen nicht mehr wahrzunehmen, da wurde das Märchen sehr, sehr traurig und zog sich auf die höchsten Gipfel der Berge zurück. Und nur, wenn es zwei Menschen gelingt, sich über ihre hellen und dunklen Seiten auszutauschen und den anderen wieder als Ganzes wahrzunehmen, so wird aus den Quellen der Berge wieder das Wasser des Lebens sprudeln, und das Märchen aller Märchen wird sich in die Wellen stürzen und sich zu Tal dem Meere zutragen lassen, um die Welt wieder zu vervollkommnen.






Die Kolumne feiert ein großes Jubiläum

1000. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.4.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 


Klaus Detering (links) und Martin Drebs

Nach dem sensationellen BORDENAUER FAUST im Jahre 2000, bei dem über 70 Akteure in über 15 Stunden das gesamte Werk von Goethe vor vielen hundert Menschen lasen, wollte Martin Drebs eigentlich mit den Kolumnen an dieser Stelle aufhören. Martin, mach´ doch weiter, ist ein ganz schönes Format, sagte ich zu ihm. Und heute erscheint tatsächlich die 1000. Kolumne – in Worten: die Tausendste! Das ist in der heutigen Zeit des steten Wandels ein selten gewordenes Jubiläum. Nachzulesen sind sie alle im Internet auf der Bordenauer Heimatseite www.bordenau.de, wo ich sie als Betreiber der Homepage seit 1999 eingepflegt und mitgezählt habe. Fast gleichzeitig und fast jede Woche wurden die Kolumnen von Martin Drebs auch in unserer Neustädter Zeitung veröffentlicht. Und eigentlich fehlen auf der Homepage noch zahlreiche Kolumnen, denn die Aktion begann bereits 1997 als Public-Relation-Idee zwischen dem Eigner Klaus-Dieter Nülle und Martin Drebs, der damals gerade mit ein paar Literaturbegeisterten und der Unterstützung seiner Frau Marita das Projekt „Bordenau – Unser Dorf liest“ aus der Taufe hob - zusammen übrigens mit dem Friedrich-Bödecker-Kreis, Hannover. Dabei begleitete die hervorragende Redaktion eines der ältesten Anzeigenblätter Deutschlands den Autor immer sehr gut bei der Bearbeitung und Realisation seiner Texte. Mal enthalten sie ein kleines Gedicht zur Jahreszeit, mal einen engagierten Jahresrückblick, mal neue Texte lokaler Autoren und häufig Tipps zur Kulturvielfalt in Neustadt. Nicht alle Texte sind von Martin Drebs, aber immer wieder durch ihn aus der unendlichen Fülle des Lesbaren ins Lesenswerte gehoben worden, grundsätzlich auch mit der Zustimmung der jeweiligen Autoren. Entstanden ist eine einzigartige Sammlung welthaltiger, heiterer, nachdenklicher, auch politisch engagierter Texte, die im Neustädter Land und in den Weiten des World Wide Web ihre geneigten Leser und Leserinnen finden – gendergemäß ab 2001 geändert von „Hochverehrte Leserschaft“ in „Liebe Leserin! Lieber Leser!“. Es gab auch kritische Rückmeldungen, etwa wenn fälschlicherweise der Eindruck entstand, der Autor spräche für das ganze lesende Bordenau. Dank sei der Neustädter Zeitung gesagt, die die Geduld und Kontinuität aufbrachte – zuerst zu Recht skeptisch, wenn man bedenkt, dass diese Kolumne die Einzige ist, die die Zeit überstanden und sie letztlich so besiegt hat. Lieber Martin, bitte schreib weiter, wir werden weiterlesen und so wird die Kolumne weiterleben. Und ich werde sie gerne weiter auf bordenau.de dokumentieren und mitzählen! Ihr Klaus Detering


Ein Frühlingsgedicht
999. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 31.3.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Friedrich Hölderlin schickt uns in die Ostertage 2021 ein Frühlingsgedicht vom „15 Merz 1842“:
„Wenn neu das Licht der Erde sich gezeiget,
Von Frühlingsreegen glänzt das grüne Thal und munter
Der Blüthen Weiß am hellen Strom hinunter,
Nachdem ein heitrer Tag zu Menschen sich geneiget.
Die Sichtbarkeit gewinnt von hellen Unterschieden,
Der Frühlingshimmel weilt mit seinem Frieden,
Daß ungestört der Mensch des Jahres Reiz betrachtet,
Und auf Vollkommenheit des Lebens achtet.“


Die Leselernhelfer
998. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 27.3.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Kurz vor 1000. Kolumne von „Bordenau liest“ schnürt man in Berlin den „Nationalen Lesepakt“. Man liest erstaunt: „Lesen ist die Grundlage von Bildung, Eigenständigkeit und Miteinander. Damit alle Kinder und Jugendliche in Deutschland gut lesen können, haben die Stiftung Lesen und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gemeinsam mit derzeit rund 150 Partnern den Nationalen Lesepakt initiiert.“ Mit dabei „MENTOR – Die Leselernhelfer“: „Lesezeit schenken und Lesefreude wecken, - das gelingt den deutschlandweit 13.000 ehrenamtlichen Lesementoren unter dem Dach des MENTOR – Die Leselernhelfer Bundesverbands e.V. Sie sind in rund 100 regionalen Vereinen organisiert und lesen einmal wöchentlich mit einem Kind oder Jugendlichen. Dabei fördern sie seine Lesekompetenz und sein Selbstvertrauen ganz individuell und bekommen viel Freude „zurück“. Die „Leselernhelfer Hannover e.V.“ gibt es schon seit 2003, initiiert durch Buchhändler Otto Stender und andere. Den Bordenauer Ableger gibt es schon seit 2005. Werner Schmidt, ein Leselernhelfer der ersten Stunde berichtet: „2005 entsteht die Mentorgruppe Scharnhorstschule Bordenau mit drei Personen, die auch heute noch dabei sind. Im Verlauf der Jahre haben sich bis zu acht Personen aus Bordenau mit Bordenauer Kindern beschäftigt. Die meisten Kinder haben die Unterstützung gern angenommen, einige zögernd, abwartend. Durch Erlebnisse (Sport, Ausflug) fand sich häufig der Weg zu einem Buch, daraus resultierend ein erfolgreiches Vorlesen, Lesen, Verstehen und die entsprechende, inhaltliche Wiedergabe. Zu vielen Kindern entsteht ein Vertrauensverhältnis, sie sind dankbar für die Aufmerksamkeit und die Zuwendung, die ihnen zuteilwird. Eine wichtige Rolle spielt auch –Mentorinnen, Mentoren sind keine Lehrer -, es gibt keine Noten, der Lesestoff wird gemeinsam ohne Kritik erarbeitet. Nicht nur ernste Arbeit, manches Gesellschaftsspiel und einfach nur Gequatsche waren Verbindungsglieder. Eine Mentorin schreibt: „Wir lesen aus dem Buch „Der kleine Vampir. „L., unsere kleine Schauspielerin, möchte am liebsten das Gelesene nachspielen.“ Zu einem meiner Lesekinder fand ich überhaupt keinen Zugang, M. machte nur das Nötigste. Per Zufall erfuhr ich von seinem technischen Interesse für Eisenbahntechnik. Eisenbahntechnik, der Türöffner! Noch heute bin ich mir seines Grußes quer über die Straße sicher. Manchmal bekamen wir auch kleine Geschenke - ein kleines Bild, ein lieb eingepacktes Bonbon, ein geübter, stolz vorgelesener Text. Nun ist Mentor- Bordenau, durch Corona etwas ausgebremst, hoffen wir, dass möglichst bald wieder Leselernhilfe möglich sein wird.“ Und er zitiert James Daniel „Bücher sind fliegende Teppiche im Reich der Fantasie.“ Und Bordenau war schon immer wieder für vieles vorbildlich!



Harrys kleine Maskenkunde
997. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 11.3.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Heute haben wir wieder unseren Komiker Harry Lewandowski eingeladen. Er berichtet in „Harrys kleiner Maskenkunde“ über einen ganz normalen Tag in seinem Leben: „Also, Tag zusammen. Mein ganz normaler Tag inmitten schwieriger Zeit. Ich stehe also morgens auf und gucke in den Spiegel und frage mich, wer ist das denn? Aber ich wasch ihn trotzdem. Und danach möchte ich an die frische Luft, also müsste ich eine Maske anlegen. Der gehäkelte „Schnutenpulli“ von Tante Hedwig, der gilt nicht mehr; die hellblaue Medizinische, die fusselt so seit drei Wochen, aber die FFP2 Maske, die ist auch schwierig, wenn ich da einatme, dann legt die sich immer so ans Gesicht, wie eine Membran, da krieg ich kaum Luft drunter. Aber gut, dass ich sie aufhabe, ich habe nämlich meinen Zahnersatz nicht an! Was heißt eigentlich FFP2-Maske? Für Freunde Plus 2, oder? Das wäre mal eine Fangfrage für Jauch. Also, ich das Ding aufgesetzt, aber erst falsch rum, die haben da nämlich so Pfeifenputzer drin, damit man die an die Nase pressen kann, egal wie dick die ist. Dann bin ich los zum Maschsee, Joggen! Dafür gelten besondere Regeln: beim Laufen braucht man keine Maske aufsetzen, aber wenn du anhälst zum Dehnen und so, dann ja, obwohl man gerade da ganz außer Atem ist. So komme ich kurz vor Vier zum Steinhuder Meer, was soll ich sagen, alles voll, tausend Leute, super Wetter. Auf einmal reißen sich viele die Masken runter, ich sag, Leute, was macht ihr denn da? Sagt so ein kleiner Junge zu mir: „Ja haben Sie denn das Schild nicht gesehen? Maskenpflicht von 10 bis 16 Uhr.“ Ich denke bei mir, das ist ja wohl ein „Schild“bürgerstreich! Die Zeiten wurden mittlerweile geändert. Aber noch immer besser als in Düsseldorf das sogenannte „Verweilverbot“, da kann ich mir nicht mal mehr die Schuhe zubinden. So komme ich abends denn nach Haus. Da sagt meine Frau zu mir: „Wie siehst du denn aus? Ich kenne dich nicht mehr!“ Und ich denke, geht mir ganz genauso! Da bin ich dann mit Maske schlafen gegangen und hab mir die ganz weit über die Augen gezogen, damit ich das ganze Elend nicht mehr sehen musste. Also bleibt gesund, wünscht euch euer Harry Lewandowski!“


Neustädter WORTkästchen
996. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 4.3.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Heute unterstützt das lesende Bordenau mal wieder das schreibende Neustädter Land für den beginnenden Frühling : „Ab ins Kästchen…“ Das Neustädter WORTkästchen – ein Ort für Deine Worte! Was immer Du dem WORTkästchen anvertrauen möchtest: Gedanken, Gedichte, Geschichten, ein Haiku, einen Brief, ein Lied, gesammelt, gereimt, gesetzt oder geschüttelt – schreibe und gestalte, und ab damit ins Kästchen! Wir werden versuchen, Poesie sichtbar zu machen. Fundstücke, Herzensdinge, Erinnerungen, Wünsche, Kitsch oder Kunst, ersonnen, gesponnen, erlebt, geträumt – schreibe und gestalte, und ab damit ins Kästchen! Wir werden versuchen, Poesie auszustellen, gedruckt zu veröffentlichen, in Lesungen zu präsentieren, ins Radio bringen. „Ab ins Kästchen“ dürfen selbst verfasste Worte mit Namensnennung, unter einem Pseudonym oder anonym. Indem Du Deine Worte ins Kästchen legst, übergibst Du die Rechte zur Veröffentlichung der Stadtbibliothek Neustadt am Rübenberge. Allerdings sind wir nicht zu einer Veröffentlichung verpflichtet. Das Neustädter WORTkästchen bietet als Inspiration und um über Poesie ins Gespräch zu kommen, wechselnde Texte zum Lesen und Mitnehmen an („to go“ und kostenlos). Vielleicht findest Du hier bald Deine Worte?! Erreichbar ist das Neustädter WORTkästchen zu den Öffnungszeiten der VHS Hannover Land oder postalisch unter der Adresse der Stadtbibliothek Neustadt: Suttorfer Straße 8, 31 535 Neustadt am Rübenberge. Ansprechpartnerinnen für das Projekt Neustädter WORTkästchen sind Melanie Röver, Stadtbibliothek Neustadt, und Gesa Elsner, Lyrikerin. Aktionen und Termine (Lesungen, „Gedicht des Monats“, Schreibworkshops…) rund um das WORTkästchen erfährst Du in der Stadtbibliothek, auf der Homepage der Stadtbibliothek, in den Zeitungen, auf Instagram und Facebook und im leineradio. Wesentlich bestärkt wurden wir in unserer Idee, Poesie im Alltag zu sammeln und darzustellen, durch den Münchner Poesiepostkasten® der Künstlerin Katharina Schweißgut, bereits seit 2013 ein Ort für Worte. In Augsburg, Mülheim/Ruhr und Lübeck (seit September 2020) finden sich weitere Lyrik- Briefkästen. Wir freuen uns sehr auf WORTschätzchen im Neustädter WORTkästchen! Jetzt im März sammeln wir Frühlingsentdeckungen: Ermutigendes poetisches Beispiel von August von Platen gefällig? “Winterlied/Geduld, du kleine Knospe/Im lieben stillen Wald,/Es ist noch viel zu frostig,/Es ist noch viel zu bald./Noch geh ich dich vorüber,/Doch merk ich mir den Platz,/Und kommt heran der Frühling,/So hol ich dich, mein Schatz.“


Was macht man mit sturen Schneehaufen?
995. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.2.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Kennen Sie die auch? Diese sturen Schneehaufen, die einfach nicht weggehen wollen, auch wenn das schönste Wetter kommt? Überall liegen sie noch in der Gegend herum, meist in verschatteten Garageneinfahrten und murmeln etwas fast Unverständliches vor sich hin:
„Keiner guckt uns mehr an! Im Gegenteil, man hasst uns und will uns weghaben! Letzte Woche waren wir noch ein gemeinsamer Teil eures winterlichen Vergnügens mit Schneeballschlacht und Skilanglauf und winterlichen Landschaften. Jetzt will uns keiner mehr wahrhaben. Dabei sind wir zu diesem Frühlingsbeginn auch noch da, halten uns tapfer als Erinnerung an die schöne Zeit. Denn nur wer den Winter kennt, weiß den Frühling zu schätzen: das Aufbrechen der Natur, das Hervorknospen der vielen farbigen Blumen und die neue warme würzige Luft. Aber nein! Uns schimpft man noch aus: ´Was wollt ihr noch hier? Schleicht´s euch fort.´ Doch wir bleiben noch, ruckeln uns in der Wärme ein wenig zusammen und schmelzen dann gerne dahin in die neue Zeit und verflüchtigen uns in den unendlich blauen Himmel. Denn auch wir freuen uns an eurem Glück der Wiederkehr und des Aufbruchs.“
Wenn Sie also noch einen solchen weißgrauen Haufen sehen, seien Sie nachsichtig und vorsichtig mit ihm, streicheln ihn sanft und vielleicht machen Sie noch einen Schneeball aus ihm, das hat er nämlich gern!


„Ich habe dich so lieb!"
994. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 19.2.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Joachim Ringelnatz liebt heute:
„Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.
Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.“


In de Bütt da steht der Spahn
993. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 11.2.2021

Liebe Narren! Liebe Liebende!

In diesem Jahr fallen der Valentinstag und Karneval zusammen. Beginnen wir mit einem Liebesgedicht. Ophelia singt in Shakespeares HAMLET:
„Auf morgen ist Sankt Valentins Tag,
Wohl an der Zeit noch früh,
Und ich, ’ne Maid, am Fensterschlag,
Will sein eu’r Valentin.
Er war bereit, thät an sein Kleid,
Thät auf die Kammerthür,
Ließ ein die Maid, die als ’ne Maid
Ging nimmermehr herfür.“

Und dat mitten im Karneval:
In de Bütt da steht der Spahn, datt is dä Mann, der alles kann; dat erste Virus hat ihn noch geschockt, dann hatt der die Pandemie gerockt. Und macht auch gleich den Experten-Check, mit Kekula, Lauterbach und Dr.Streek. Janz beliebt in Deutschlands Osten, is dä Wuschel-Podcast-Drosten. Dann jab et nach der ersten eine zweite Welle, und die dritte folgt in aller Schnelle; zum Lockdown kam der der Flockdown noch; jetzt bewegt sich ja nix mehr, und doch: Wir woll´n uns alle lassen impfen, lass doch die Hütchenträger schimpfen; et heißt, die Pikse sind janz ungefährlich; dat müssen die ja sagen vom Institut Paul Ehrlich. Wenn dereinst dem Virus geh´n die Wirte aus, da verbringen mer en paar schöne Tach Zuhaus, da lasse mer die Masken sanft heruntergleiten, und loben Fried- und Frisörszeiten.


„An eine Passantin“
992. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 4.2.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

In diesem Jahr fallen der Valentinstag und Karneval zusammen. Beginnen wir mit einem Liebesgedicht, nicht eines für die lang und ewig Verliebten, sondern für die, die nur durch einen Blick – in dieser Zeit des eingeschränkten Gesichts - getroffen: mit Charles Baudelaires (1821 bis 1867) Gedicht „An eine Passantin“ in der Übersetzung von Stefan George (1868 bis 1933); stellen Sie sich dabei bitte auf das besondere Schriftbild ein, die Texte sind in gemäßigter Kleinschreibung gesetzt:
„Es tost betäubend in der strassen raum.
Gross schmal in tiefer trauer majestätisch
Erschien ein weib · in finger gravitätisch
Erhob und wiegte kleidbesatz und saum ·
Beschwingt und hehr mit einer statue knie.
Ich las · die hände ballend wie im wahne ·
Aus ihrem auge (heimat der orkane):
Mit anmut bannt mit liebe tötet sie
Ein strahl… dann nacht! o schöne wesenheit
Die mich mit EINEM blicke neu geboren ·
Kommst du erst wieder in der ewigkeit?
Verändert · fern · zu spät · auf stets verloren!
Du bist mir fremd · ich ward dir nie genannt ·
Dich hätte ich geliebt · dich die’s erkannt.“


Ein winterliches Gedicht
991. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.1.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Heinrich Heine schickt uns heute ein winterliches Gedicht:
„Mag da draußen Schnee sich türmen,
Mag es hageln, mag es stürmen,
Klirrend mir ans Fenster schlagen,
Nimmer will ich mich beklagen,
Denn ich trage in der Brust
Liebchens Bild und Frühlingslust.“


Ein Silberstreif am Horizont
990. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 21.1.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Viele Versammlungen, auch bei den Vereinen, kommen im Moment nicht zustande. Auch viele regelmäßige Freundschaftstreffen nicht! So treffen wir uns seit den 90ern mit einer Gruppe von tollen Menschen, die wir auf Island kennengelernt haben. Nun schrieben die Freunde zum Jahreswechsel einen Gruß, der auf sehr treffende Weise unsere Lage schildert: „Liebe Freunde der Mitternachtssonne, Wasserfallfans, Warmbader in vulkanisch aufgeheizten Bächen und Schwarzer-Tod-Schlaftrunkkonsumenten, ein einengendes Jahr ist zu Ende gegangen und normalerweise erwartet man, daß sich dann das ´Neue Jahr´ wie eine Tür zu einem neuen Raum auftut. Dieses Mal ist ein Kuriosum passiert: Man ist durch diese Tür getreten und hat sich unerklärlicher Weise wieder im scheinbar gleichen Raum vorgefunden und das obendrein in dessen dunkelster Ecke, dem Lockdown. Der Unterschied ist nur, daß irgendwo durch eine Ritze ein Lichtstrahl fällt, sozusagen ein Silberstreif am Horizont. Auf diesen setzen wir jetzt alle unsere Hoffnungen, und sie mögen auch in Erfüllung gehen. Dann ist es auch an der Zeit, daß der glücksverheißende Schornsteinfeger bei allen vorbeischaut, egal ob er nun auf dem Glücksschwein reitet oder mit dem Fahrrad kommt. Nur - und das ist jetzt meine Überlegung - kommt der, wenn die Kamine verrußt sind, also zum Ende der Heizperiode. Das wird also noch ein wenig dauern. Bis dahin: Bleibt gesund! Schöne Stunden, Freude und Glücksmomente werden sich dann wieder einstellen und vielleicht auch das Islandtreffen, auch wenn`s dann eventuell schon Herbst ist. Ein gutes ´Neues Jahr´ verbunden mit einem hoffnungsvollen Blick nach vorn wünschen Euch herzlich! Walter und Ella.“  


"Die Grippe und die Menschen"
989. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.1.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Dieser Tage geistert ein satirisches Gedicht durch die Medien: „Als Würger zieht im Land herum/ Mit Trommel und mit Hippe,/ Mit schauerlichem Bum, bum, bumm,/ Tief schwarz verhüllt die Grippe./ Sie kehrt in jedem Hause ein/ Und schneidet volle Garben -/ Viel rosenrote Jungfräulein/ Und kecke Burschen starben./ Es schrie das Volk in seiner Not/ Laut auf zu den Behörden:/ "Was wartet ihr? Schützt uns vorm Tod /- Was soll aus uns noch werden?/ Ihr habt die Macht und auch die Pflicht/ - Nun zeiget eure Grütze - /Wir raten euch: Jetzt drückt euch nicht./ Zu was seid ihr sonst nütze!/ 's ist ein Skandal, wie man es treibt./ Wo bleiben die Verbote? Man singt und tanzt, juheit und kneipt./ Gibt's nicht genug schon Tote?"/ Die Landesväter rieten her/ Und hin in ihrem Hirne./ Wie dieser Not zu wehren wär',/ Mit sorgenvoller Stirne:/ Und sieh', die Mühe ward belohnt./ Ihr Denken ward gesegnet:/ Bald hat es, schwer und ungewohnt,/ Verbote nur geregnet./ Die Grippe duckt sich tief und scheu/ Und wollte sacht verschwinden -/ Da johlte schon das Volks aufs Neu'/ Aus hunderttausend Mündern:/ "Regierung, he! Bist du verrückt -/ Was soll dies alles heißen?/ Was soll der Krimskrams, der uns drückt,/ Ihr Weisesten der Weisen?/ Sind wir den bloß zum Steuern da,/ Was nehmt ihr jede Freude?/ Und just zu Fastnachtszeiten - ha!"/ So gröhlt und tobt die Meute./ "Die Kirche mögt verbieten ihr,/ Das Singen und das Beten -/ Betreffs des andern lassen wir/ Jedoch nicht nah uns treten!/ Das war es nicht, was wir gewollt./ Gebt frei das Tanzen, Saufen./ Sonst kommt das Volk - hört, wie es grollt,/ Stadtwärts in hellen Haufen!"/ Die Grippe, die am letzten Loch/ Schon pfiff, sie blinzelt leise/ Und spricht: "Na endlich - also doch!"/ Und lacht auf häm'sche Weise./ "Ja, ja - sie bleibt doch immer gleich/ Die alte Menschensippe!"/ Sie reckt empor sich hoch und bleich/ Und schärft aufs neu die Hippe." Ist dieses satirische Gedicht im ersten oder zweiten Lockdown entstanden? Mitnichten! Das Gedicht ist über 100 Jahre alt und heißt: "Die Grippe und die Menschen" und ist erschienen in der schweizerischen Satirezeitschrift "Nebelspalter" in Nr. 10 vom 06.03.1920.


Die Helden des Alltags 2020
988. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 29.12.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Was für ein Jahr: 2020? Fragt sich auch Rapper Anton Drebs:
„Was für ein Jahr (2020)
Jetzt neigt es sich schon seinem Ende
Doch wir sind noch da (2020)
Das Schicksal in unseren Händen
Für viele nicht einfach
Doch in der Gemeinschaft -
Entstand in vielen Bereichen ein Einklang (2020)
Weil man alles besser zusammen als allein kann
Die Natur ja sie wehrt sich
Der Zustand ist längst schon gefährlich
Schon für aussichtslos gehalten
Bleibt nun längst nichts mehr beim Alten
Erlebten Solidarität in ganz vielen Belangen
Sind gegen Gewalt auch auf die Straßen gegangen
Weg mit blindem Hass und Zynismus
Auf dieser Welt ist kein Platz für Rassismus (2020)
Im Radio läuft Torch mit: Wir waren mal Stars
Danke an Pfleger, Ärzte und die Kassierer im Supermarkt
Die Jobs, die ihr macht sind sowas von hart
Auf die Helden des Alltags erheben wir unser Glas
2020 in Zeiten der Krise mehr Zeit für Familie
2020 in Zeiten wie diesen bleibt uns nur die Liebe
Ja, ich weiß es war nicht alles perfekt -
Doch wir halten zusammen und drücken auf Reset
2020 in Zeiten der Krise mehr Zeit für Familie
2020 in Zeiten wie diesen bleibt uns nur die Liebe
Ja, ich weiß es war nicht alles perfekt -
Aber immerhin ist Donald Trump bald weg“


Es war dem Menschen die Freiheit gegeben...
987. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 22.12.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Größeres wolltest auch du:
Es war dem Menschen die Freiheit gegeben,
Aufzubrechen, wohin er will.
Wenn sich die Lager leerten, zogen wir weiter.
Doch die Welt ist voll und eng geworden,
Aus Angst richten sich die Grenzen wieder auf.
Doch das verordnete Innehalten will nicht wesentlich werden.
Stille umfasst dein stolzes Herz,
Leer und verlassen sind die Städte,
Zurückgeworfen auf Haus und Hof.
Was gründet Gemeinschaft jetzt noch?
Die Erinnerungen? Lächeln auf bunten Monitoren?
Nimm deine Maske ab
Und zeig dein wahres Gesicht;
Wend´ es zum Himmel, nicht hinab,
hoffend auf neues Licht!


Weihnachten
986. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 17.12.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Wie seltsam prophetisch klingen die alten, schönen Gedichte, so das „Weihnachten“ von Joseph von Eichendorff:
„Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in´s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!“


„Der Weihnachtsschein“
985. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 10.12.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Ingrid Bruchwald von der „Textschmiede Wunstorf“ präsentiert: „Der Weihnachtsschein“: „Das Weihnachtsfest steht vor der Tür und damit auch schon fast der zu erwartende Besuch. „Onkel Paul und Tante Gertrud haben angerufen“, verkündet Gabriele, als ihr Mann Peter am Abend nach Hause kommt. „Und?“ Er hängt seinen Autoschlüssel an den freien Haken. „Sie möchten uns zu Weihnachten besuchen.“ „Schön! Deine Eltern kommen doch auch. Das wird bestimmt ein nettes Fest.“ „Ja, das denke ich auch“, antwortet Gabriele, während sie im Geiste schon mit der Planung des Festtagsmenüs beschäftigt ist. „Was wollen wir ihnen denn schenken? Paul und Gertrud kenne ich nicht so gut, dass ich weiß, über was sie sich freuen würden und meine Eltern haben ja eigentlich alles. Hast du eine Idee?“ „Wir schenken Onkel und Tante und auch deinen Eltern jeweils 100 Euro", schlägt Peter vor. "Das ist gerecht und davon können sie sich etwas kaufen, das ihnen Freude macht.“ „Wie, einfach so einen Schein? Ist das nicht etwas - unweihnachtlich?“, fragt sie zweifelnd. „Steck die Scheine in einen farbigen Umschlag, schreib was Nettes dazu und kleb ein paar Engelchen drauf. Sei einfach ein bisschen kreativ, das schaffst du schon.“ Am Heiligen Abend sitzen dann alle - mit dem Verdauen der krossen Weihnachtsgans und der leckeren Kekse beschäftigt - träge und etwas maulfaul in der weihnachtlich geschmückten Stube. Die Kerzen am Baum tauchen das Zimmer in ein warmes Licht. Schwerfällig erhebt sich Onkel Paul, schließt diskret den Hosenbund und meint: „Ich glaube, es ist nun Zeit für die Bescherung. Da wir uns so lange nicht gesehen haben, wussten wir nicht so recht, was euch freuen würde.“ Umständlich kramt er einen leicht verknickten, mit Engelchen verzierten Umschlag aus der Innentasche seines Sakkos. „Hier bitte, kauft euch davon etwas Schönes!“ „Danke“, sagt Gabriele und öffnet den Umschlag. „Oh, schau mal Peter 100 Euro!“ Bedeutungsvoll blickt sie ihren Mann an. „Na, da wollen wir es auch gleich hinter uns bringen! Hier mein Kind, das ist für euch. Kauft euch davon etwas, das euch Freude macht!“ Der Vater schiebt ihr ein mit Engelchen beklebtes goldfarbenes Kuvert zu. „Oh, noch mal 100 Euro! Vielen Dank!“ Hilfesuchend schaut sie zu Peter, doch der ist gerade mit dem Öffnen einer Flasche Marke Verdauungsschnaps beschäftigt. Entschlossen holt sie deshalb nun ihre zwei mit Engelchen verzierten, silbrig glänzenden Umschläge heraus, überreicht sie lächelnd und meint: „Auch wir wussten nicht, was wir schenken sollten.“ Zunächst sehen sie sich betreten an, die engelchenbeklebten Kuverts mit den 100 Euro in den Händen. Dann beginnt Onkel Paul prustend zu lachen – und nach und nach stimmen alle ein. „Na, das ist ja eine Weihnachtsüberraschung!“, schnauft Tante Gertrud und wischt sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Und jeder Umschlag festlich mit Engelchen verziert“, kichert Gabriele, „wie kreativ!“ Peter nimmt sie lachend in den Arm. „Im nächsten Jahr machen wir es besser! Und nun lasst uns anstoßen, auf dieses unvergessliche Fest und auf unseren ‚Weihnachtsschein’!“


Realo
984. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 26.11.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Wir kennen ihn alle als den „Mister Leserbrief“ des Neustädter Landes und seine engagierten, kritischen, ambitionierten Zuschriften, die manche Missstände wieder zu Recht rückten – der Leserbrief als sozusagen „Fünfte Gewalt“! Die Rede ist von Manfred Korte aus Bordenau. Und da bekanntlich Bordenau nicht nur liest, sondern auch schreibt und dichtet, hat er uns ein zur Zeit passendes Gedicht mit dem Titel „Realo“ geschickt:
„Corona trifft die Krone der Schöpfung
Hat Gott uns seine Gunst entzogen
Für die Gläubigen eine Ernüchterung
Die anderen fühlen sich nicht betrogen
Das Unglück begann schon mit Eva und Adam
Seitdem leiden wir alle gemeinsam
Es gibt aber auch noch andere Götter
Deren Gefolgschaft geht es auch nicht besser
Das ist das Ende aller Heiterkeit
Man nennt es göttliche Gerechtigkeit
Drum lasst uns fröhlich weiterleben
Unbeschwert, mit und ohne Erdenbeben.“


Schreibwerkstatt
983. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 19.11.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Alle Jahre wieder erinnern wir hier gerne an das dereinst im Rübenberger Verlag erschienene Buch der Bordenauer Schreibwerkstatt: „Lebensabend mit Goldrand oder die zweite Erfindung des Glücks“ - von Christine Köpcke, Martin Drebs und Elke Wille gemeinsam verfasst. Jetzt erinnerte sich Christine Köpcke an die Entstehung des Buches und den besonderen gemeinsamen Prozess der künstlerischen Schöpfung: „Das eigene Buch – es war viel mehr als Schreiben. Schreibwerkstatt-Bücher werden üblicherweise mit mehreren Autor/innen so verfasst, dass es ein bestimmtes Thema gibt, zu dem jede/r Einzelne etwas schreibt. Unterschiedliche Sichtweisen (meist eigene Erfahrungen) und vielfältige Schreibstile ergeben interessante Möglichkeiten. Zur Entstehung unseres Buches „Lebensabend mit Goldrand“ passt ein kürzlich erschienener Artikel zur TV-Serie „Babylon Berlin“ über die drei Regisseure: „… Diese Arbeitsweise erstickt jedes Anspruchsdenken im Keim. Das ist meine Szene! Das ist meine Episode! - so etwas gibt es nicht. Dieses Projekt ist perfekt dafür, Egos zu bändigen.“ So haben wir „Goldrand“ geschrieben. Es gab etliche Differenzen um Themen und persönliche Ausdrucksweisen, die uns unsere Toleranz-Grenzen aufgezeigt haben. Wir waren ‚gezwungen‘, unser Unbehagen anzusprechen, ohne den Anderen mit Formulierungen zu verletzen, uns mit seiner Gedankenwelt auseinanderzusetzen und dann gemeinsam einen Kompromiss zu finden. „Sich einigen“ oder „aussteigen“ - diese Phase hat wohl jeder durchlebt. Der Vorteil bei mehreren Autoren lag eindeutig darin, dass bei jedem Treffen die bisherigen Texte reflektiert, auf ihre Zusammengehörigkeit überprüft und neue Figuren und Szenen erfunden wurden. Dabei tauchte jedes Mal die Frage auf, in welcher Richtung es weitergehen sollte – bis zum (auch für uns selbst überraschenden) Schluss, an dem Ende und Anfang zusammenfließen. So sind einzelne Geschichten entstanden, die in sich abgeschlossen sind, aber gleichzeitig in die vorgegebene Struktur passen und miteinander in Verbindung stehen (Monats-Abfolge März-Februar, Seniorenresidenz als Handlungsort). Es ergab sich auch, dass ein/e Autor/in in den Text eines/r anderen einzelne Szenen einfügte – alles im Einverständnis untereinander! Der Stolz, das sichtbare Werk in den Händen zu halten und im Buchladen ausgestellt zu sehen, ergänzte sich mit der erlebten Entwicklung eigener Charaktereigenschaften als ganz persönliche Bereicherung.“ Das tolle, unmaskierte Buch kann in der Bücherbude in der Holunderapotheke coronagemäß ausgeliehen werden.


Die Spanische Grippe
982. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 12.11.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Unsere hier platzierte literarische Kolumne ist und bleibt auch immer der Aufklärung und der Wissenschaft verbunden. Auch der Geschichte! Heute zitieren wir aus gegebenem Anlass Auszüge aus dem Artikel von Dr. Ingolf Dürr, erschienen in: „Der Allgemeinarzt“, 2018; 40 (4) Seite 72-74:„Viel schlimmer war die zweite Infektionswelle im Herbst 1918. Diese breitete sich rasant über den gesamten Erdball aus und verlief sehr oft tödlich. Eine dritte Welle im Frühjahr 1919 war ähnlich schlimm. Die meisten der Infizierten starben an akutem Lungenversagen, die Haut der Betroffenen war oft dunkelblau vom Sauerstoffmangel. Wer sich morgens noch etwas krank fühlte, war abends oft schon tot. Ungewöhnlich häufig fielen der Grippe junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren zum Opfer. Allein im damaligen Deutschen Reich sollen mehr als 400.000 Menschen gestorben sein, in den USA geht man von mehr als 600.000 Todesopfern aus. Prominente Opfer waren der Maler Egon Schiele, Max Weber oder der Großvater von Donald Trump, Frederik Trump. Die "Spanische Grippe" war ein globales Ereignis: Sie trat auch in entlegenen Regionen Russlands auf, ebenso wie in Indien, wo es allein schon geschätzte 17 Millionen Opfer gab, aber auch in Westafrika und auf den Philippinen. Auf Samoa starben 20 % der Bevölkerung. Die Zahl derer, die sich damals mit dem Virus infizierten, schätzen Experten auf 500 Millionen Menschen, was einem Drittel der damaligen Weltbevölkerung entsprach. Die Todesrate lag 25-mal höher als bei anderen Influenza-Epidemien. Dass es sich bei dem Krankheitserreger um das Influenza-Virus handelte, wusste man damals noch nicht. Dieses wurde erst 1933 entdeckt. Viele Ärzte verdächtigten deshalb ein ominöses Grippe-Bakterium als Ursache für die Pandemie…. Da der Erreger der Grippe unbekannt war, machten auch Verschwörungstheorien aller Art die Runde. Schließlich herrschte ja auch noch Krieg und man verdächtigte sich gegenseitig der biologischen Kampfführung. Und man griff teilweise auch zu drastischen Maßnahmen, mit denen man die Epidemie einzudämmen versuchte. So wurden in New York 500 Personen verhaftet, die entgegen eines polizeilichen Verbots auf der Straße ausgespuckt hatten. Wer keine Gesichtsmasken trug, musste mit einer Geldbuße rechnen. Als der Erste Weltkrieg dann zu Ende war, gab das der Pandemie noch einmal einen Schub. Hunderttausende Menschen feierten den Frieden auf den Straßen, lagen sich dabei in den Armen und verbreiteten so das Virus untereinander. Gleichzeitig kam es zu großen Truppenverschiebungen, Soldaten kehrten heim und brachten das Virus als tödliches Souvenir mit.“


Wahl des Präsidenten
981. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 5.11.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Komiker Harry Lewandowski hat uns einen kleinen humoristischen Beitrag geschickt: „Jetzt wurde bei uns letztens im Verein auch wieder gewählt. Motto: Demokratie jetzt erst recht! Das war vielleicht ein Durcheinander. Erstmal hatten die gar kein aktuelles Mitgliederverzeichnis und wussten gar nicht, wieviel überhaupt wählen durften. Da hieß es dann, der eine kommt gar nicht von hier, der darf gar nicht mitwählen, und ein anderer, von dem vermutete man, der sei schon mal im Gefängnis gewesen, der darf auch nicht wählen. Und dann haben die wochenlang vor der Versammlung schon Briefwahl gemacht, weil einige in Urlaub wollten. Da haben die die Wahlzettel in so einen Karton getan, der war auf einmal weg, weil der große alte Vorsitzende den unter der Theke versteckt hatte. Während der laufenden Wahl erklärte der sich plötzlich als Sieger, da war aber was los, es gab richtige Tumulte. Endlich war die Auszählung fertig, der alte Vorsitzende wollte sich mit dem Ergebnis nicht zufriedengeben; es wurde schließlich ein anderer Älterer gewählt, der nahm aber die Wahl nicht an; er fühle sich zu alt für die Herausforderungen des Vereins. Das erinnert mich doch stark daran, wie wir Kinder früher in unserer Budenstadt den Bürgermeister wählten: in der Wahlbude war ein Holz mit dem Namen der Kandidaten; jeder durfte einzeln rein und einen Ritz bei seinem Kandidaten machen, nur nicht bei sich selbst; hab ich aber gemacht und wurde mit einer Stimme Mehrheit Budenmeister. So geht das! Demokratie jetzt erst recht!


Zeitumstellung
980. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 29.10.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nur gut, dass das schon wieder eine Woche her ist. Gehen bei Ihnen mittlerweile wieder alle Uhren richtig? Und: „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“ -Kann ich nicht; da müsste ich Ihnen ja etwas über die Zeit sagen!“. So der feinsinnige Humor des Kabarettisten Werner Fink. Oder Bertolt Brecht. „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten, schon das arglose Wort ist töricht…“ Nun ging es wieder um die Zeitumstellung und die zahllosen Merksprüche: ´Gartenmöbel raus gleich eine Stunde vor, dann im Herbst wieder zurück. Ja, gibt´s das denn überhaupt noch? Die EU hatte doch bei bewusstem Tageslicht darüber abstimmen lassen und sie sollte wieder abgeschafft werden. Und was brächte sie auch? Der Langschläfer kriegte gar nicht mit, dass die Sonne früher oder später aufgegangen ist. Die Sonne macht die Nacht einfach durch. Und die wenigen Abendfeierer kurz vor der Sperrstunde, zwei Haushalte maximal, die feiern sowieso privat durch. Und wo ist das ganze Jahr eigentlich hin? Von den – sagen wir - 360 Tagen, da können wir getrost 240 Tage abziehen, wenn wir sowieso nur ein Drittel arbeiten. Dann davon die 104 Wochenenden abziehen, da bleiben dann noch 16 Tage zum Gesundschuften und Krankfeiern. Vielleicht sollte man die Wocheneinteilung ändern; Das hat erstmals die Sowjetunion versucht, danach sollte die Woche 10 Tage umfassen, um so die Produktion noch besser anzuheizen. Wenn wir das nun "coronamäßig" umdrehen, und voll auf Entschleunigung setzen, können aus einem Jahr mit 52 Wochen gerne 104 werden, dann sind es zwölf Wochen Urlaub - dadurch haben wir unglaublich viel Zeit gewonnen und wir können uns bequem zurücklehnen. Unsere Neustädter Zeitung müsste allerdings dann auch wieder doppelt so oft , also Mittwoch beziehungsweise Samstag doppelt erscheinen. Jetzt bin ich nur gespannt, wie der Virus auf die Zeitumstellung reagiert. Ohne den Betroffenen zu nahe zu treten, ich hoffe aber, dass er doch noch aus der Zeit fällt, irritiert darüber, dass die Menschen ihre Uhren verstellen können, wobei eine stehende Uhr zweimal am Tag die richtige Zeit zeigt, während eine andere nur hinterherläuft. Und diese zusätzliche Stunde vom Jahr 2020 hätte man sich auch sparen können! Also, Kopf hoch, alles mit Abstand betrachten!


Poesie und Werbung
979. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.10.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Achtung, vorab eine Lesewarnung: Die folgende Kolumne enthält Produktplatzierungen! Doch Spaß beiseite, es gab eine Zeit, in der sich die profane Warenwelt und die Poesie der Dichter begegneten, so in den Werbesprüchen zu Anfang des 20.Jahrhunderts. Da war Reimkunst gefordert, zum Beispiel wurde Frank Wedekind (Theaterdichter u.a. von „Frühlingserwachen“) der Spruch zugeschrieben: „Feuer breitet sich nicht aus, hast du Minimax im Haus“ (Feuerlöscher). Und das gemeine Volk spöttelte poetisch mit: „Minimax ist großer Mist, wenn du nicht zu Hause bist.“ Heute durchdringen poetische Ergüsse ganze Branchen, so bei Badezusätzen: „Sternenstaub Badeschaum“, „Auf Sternschnuppen warten ist mir zu langweilig…, ich pack das Glück viel lieber selbst beim Schopf und bau auf meine inneren Stärken…so werden Träume schneller wahr“; „Badekristalle Waldspaziergang“ Aufatmen und Erholung tanken, „Sinnenreise ans Meer“ Abtauchen in einen kleinen Kurzurlaub, Achtsamkeitsritual „Nachtruhe“ Lavendel Pflegebad, „Wohliges Winterglück“ Pflegebad mit wohlig-würzigem Duft, „Gemütliche Kuschelstunde“ undsoweiter. Ganz besonders stimmungsvoll wird es auch bei den Teesorten: Wellness Tee zum entspannten Kennenlernen. Für einen ruhigen Tee-Moment in hektischen Zeiten. Zum Thema Fasten gibt es gleich ein ganzes Set: Da finden sich gleich drei ausgesuchte Fastentees zur Unterstützung Ihres Vorhabens. …, ein Heiltee aus China wird dort seit vielen Jahrhunderten auch zum Fasten getrunken. Er schmeckt würzig-erdig und ist der perfekte Tee für den Morgen. Der Früchtetee Sportsfreund enthält viele Vitamine und sorgt den ganzen Tag über für gute Laune. Der Bio Mate Tee mit Lemongras ist ein echter Wachmacher für zwischendurch. Zudem sagt man dem magischen Trunk der Indios eine appetithemmende Wirkung nach.“ Und der Winter naht: „Wärmende Teesorten, winterlich oder weihnachtlich gewürzt in großer Auswahl als lose Teesorten oder auch im praktischen Pyramidenbeutel…“ Wie wär´s mit „Knusperhäuschen“ oder gar „Kaminfeuer“. Wie dem auch sei: Wir dichten hier auch weiter für Ihre literarische Wellness.


Dorfarzt Dr. Schliehe-Diecks
978. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 8.10.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Pastorinnen kommen und Lehrer gehen, doch der Medizinmann, der bleibt bestehen. So wirkte er 35 Jahre lang, da wird´s auch dem Gesündesten bang.
„Der gute Arzt ist nicht zu zärtlich, doch ist er auch nicht eisenbärtlich.“
Er ist ein guter Mediziner, „erst Menschheits- und dann Geldver-diener.“
Nie sagte er: „Gelebt, geliebt, geraucht, gesoffen! Und alles dann vom Doktor hoffen!“ War er denn Landarzt oder stadtteilstädtisch? Man kann nur sagen: er war einfach zuverlässig!
Leistete manche Nacht das Beste Und ging auch ins Dorf auf so manches Feste.
Die Stiftung Bordenau führte er milde und weis` Er war bestimmt kein ´Gott in Weiß´;
Er war kompetent, verantwortungsvoll und freundlich. So fühlten wir uns in seiner Obhut so gut wie unsterblich.
Und sein Team war und bleibt ´Erste Klasse´: Erst der Mensch und dann die Kasse!
Wünschen wir ihm, dass er seinen Unruhestand genießt. Und endlich als neuer Leser bei „Bordenau liest“ liest.
Denn nun macht er selber nicht mehr „Pieks“: Alles Gute, Dr. Josef Schliehe-Diecks!“
(Die Zitate stammen aus Eugen Roth ,“Die Ärzte“)


Wilhelm Busch am 3. Oktober
977. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 1.10.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Bei der Lautsprecherwagenfahrt durch Bordenau am 3.Oktober 2020 zwischen 15 und 17 Uhr hören Sie nicht nur Texte zur Lage der Nation, sondern auch Herbstgedichte von Rilke und Hebbel und von Wilhelm Busch das Gedicht „Im Herbst“:
Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
so manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Sie ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.
Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.


Brieffreundschaft
976. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 24.9.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Die Autorin Ingrid Bruchwald von der Textschmiede Wunstorf schickt uns ihren Versuch, einen ganz normalen Brief aus dem Urlaub zu schreiben: „Ich will nicht über Corona schreiben. Auch in Zeiten von Email und Whatsapp pflege ich noch eine Brieffreundschaft. Zugegeben, wir telefonieren auch häufig miteinander, freuen uns aber, wenn wir einen per Hand adressierten Briefumschlag aus dem Postkasten fischen können, in dem sich kein glücksverheißendes Rubbellos verbirgt oder das "Rundum-Sorglos-Paket" einer menschenfreundlichen Versicherung. Nun ist so viel in den vergangenen Wochen passiert. Ich setze mich an den Schreibtisch, ziehe ein Blatt lindfarbenes Briefpapier aus dem Kasten und greife nach meinem Füller. Liebe Britta, beginne ich. Wovon könnte ich ihr zuerst berichten? Vielleicht von der Einschulung unserer Enkelin, die wegen Corona so ganz anders verlief als der erste Schultag noch im letzten Jahr. Oder schreibe ich erst einmal über das Klönkäffchen mit Silke? War richtig nett. Silke gehört ja zur Risikogruppe. Deshalb wollten wir das gute Wetter nutzen und uns risikoarm im Freien treffen. Hm, eigentlich will ich nichts über Corona schreiben! Also nochmal: Liebe Britta, ich hoffe, es geht dir gut! Wir sind alle gesund. Letzte Woche waren wir für drei Tage an der Ostsee. Herrlich! Allerdings war es auf der Promenade sehr voll und nicht jeder hielt sich an die Regeln. Ups - ich wollte doch nicht über Corona schreiben! Entschlossen streiche ich den letzten Satz. Nun werde ich den Brief noch einmal sauber abschreiben müssen. Letzte Woche waren wir für drei Tage an der Ostsee. Herrlich! Die meiste Zeit schien die Sonne. Das Essen in unserem Fischrestaurant war mal wieder lecker. Allerdings mussten wir uns vorher telefonisch anmelden. Mist! Ich streiche den letzten Satz. Am Nachmittag wollte ich dann noch nach einer neuen Windjacke für mich schauen. Die bekommt man am besten an der Küste. Doch das Stöbern mit Maske machte nicht so wirklich Freude. Ich wollte doch nicht über Corona schreiben! Resigniert knülle ich den Briefbogen zusammen. Wenn ich meinem guten Vorsatz - Ich will nicht über Corona schreiben- treu bleiben will, so hilft nur eins: Ich greife zum Telefon...“ Dieser Text wird auch bei unserer Lautsprecherbus-Lesung am 3.Oktober 2020 zwischen 15 und 17 Uhr durch Bordenau vorgetragen. 15 Uhr sind wir am Dorfteich, 15.30 Uhr an der Apotheke, 16 Uhr an der Kirche, 16.30 Uhr am Friedhof und zum Abschluss gegen 17 Uhr an der Hausstelle. Herzliche Einladung!


Der Literaturbus
975. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 17.9.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Die haben ja schon viel Verrücktes auf den Weg gebracht, um Bordenau ans Lesen zu kriegen, zumindest zum Zuhören. Dass die mit der Transall  Flugblätter mit poetischen Texten abwerfen wollen, ist dabei nur ein charmantes Gerücht. Neben den Großlesungen ganzer Bücher, so zum Beispiel auf einem Bauernhof aus der Kutsche heraus (Heine!) oder das ganze Schiff der „Gustloff“ in die Sportkulturhalle gebaut (Grass) oder die „Literarische Sauna“, wo man beim Zuhören auf den Ruhebänken einschlafen sollte, die Bachmann-Lesung, wo Druckkünstler Peter Marggraf während der Lesung einen Text setzte und der den Teilnehmern mitgegeben wurde, und das wurde auch noch per Video groß übertragen oder die literarischen Cocktails in der Apotheke, die Blumengedichte im Blumenladen, das vielsprachige Lesefutter im Ristaurante Roma undundund. Und jetzt in Zeiten von Corona gehen sie nicht einfach ins Internet auf Fernsehvorlesungen, sondern wollen am 3.Oktober 2020 zwischen 15 und 17 Uhr mit einem Lautsprecherbus durch den Ort fahren und Geschichten und Gedichte vorlesen. Booh! Ja, was denn? Ausschnitte aus 20 Jahren „Bordenau liest“? Da war deren Jubiläum mit der gefragten Eva Matthes geplant. Texte zur deutschen Einheit an diesem traditionellen Feiertag? Dann ein paar – wenn, dann schon heitere – Texte zu Corona, etwas zum Thema Freiheit, beginnend in Nordwest-Bordenau an der Garagenausfahrt „Freiheit aushalten“, da böte sich doch wieder das Grundgesetz an, weiter durch den Ort und dem Scharnhorst den Immanuel Kant “Auf dem Weg zum ewigen Frieden“ um die Ohren hauen, an der Kirche läuten die Glocken zu Lessings „Ringparabel“ bis hin zur Ziegelei, wo sie nicht den Werbetext zur Umwidmung zum Erlebnisbad lesen, sondern aus Gisela Oberheus „Geboren 1940“ und Albrecht Göstemeyers neustes Buch über das Riethhaus. Man kann sich schon die Schlagzeilen vorstellen: „´Bordenau liest´ trägt Literatur bis in den letzten Winkel des Dorfes, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.“ Die sind doch verrückt, oder? Einen Rap zum Thema „Zeit“ bei NP, und während der Fahrt die Bordenau-Hymne von Andreas Hagemann, und zwischendurch werden als aktueller, volkstümlicher  Service die Bundesligazwischenstände durchgeben. Die genauen Stationen und Zeiten werden noch bekanntgegeben.


"Mein schönstes Ferienerlebnis"
974. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 3.9.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Viele Schulstarts – virtuell oder in echt – fragen nach deinem schönsten Ferienerlebnis, falls ihr überhaupt in Urlaub fahren konntet. Paul Cornelius konnte zur Nordsee und drückt für uns als älterer Schüler nochmal die Schulbank: „Seit vielen Jahren fahren meine Frau und ich mit Kind, Kegel und Freunden auf eine holländische Insel, auch vor 25 Jahren auf unserer Hochzeitsreise und zwar an Neujahr. Überall lag Schnee bei herrlichem Sonnenschein, und so zogen wir zu Fuß zu unserer Herberge. Überall sahen wir buntgeschmückte Pferdeschlitten, die die Einheimischen durch die wunderschöne winterliche Landschaft fuhren. „Das will ich auch mal,“ sagte meine Frau,“ einmal als Schneekönigin über die Insel“. So waren die ersten Tage meiner noch jungen Ehe damit ausgefüllt, über die Insel zu jachtern, um das möglich zu machen; denn als touristisches Angebot gab es das nicht. Am anderen Ende der Insel fand ich am vorletzten Tag einen freundlichen Bauern, der lud uns auf den Abend ein. So spät? So dunkel? Von wegen! Auf die weiße, winterliche Welt schien neben dem Leuchtturm der Vollmond, und ein stolzer Friese zog meine Göttergattin als Zarin und mich wie durch ein unwirklich beleuchtetes Kinderbuch über die Dünen mitten in den Wald, wo es heißen Kakao zu trinken gab. Welch eine Freude! Welch ein Wunder! In diesem Sommer versuchten wir, unseren freundlichen Bauern wiederzutreffen. Wir wussten nurmehr den Namen des Pferdes und ungefähr die Lage des Bauernhofes. Und was soll ich euch sagen: wir fanden Theo durch glücklich-magische Zufälle wieder. Wir bedankten uns mit einem Geschenk, er erinnerte sich noch an uns, und als Krönung fuhren wir mit ihm zum ersten Mal mit einer Pferdekutsche und unseren Freunden durch die schöne Landschaft, teilweise unseren alten Schlittenweg entlang. Das war mein schönstes Ferienerlebnis in diesem Jahr!“


Zehn Minuten sind eine verdammt lange Zeit
973. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 29.8.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Paul Cornelius hat uns aus seiner Sprachtagung wieder einen Text mitgebracht: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single, Alle 20 Minuten findet sich ein Paar. Das macht über 26 Tausend im Jahr. Was wird aus den anderen Millionen, Die sich auch sehnsüchten. Sollen sie darben, verzweifeln, alleine? Alle elf Minuten verliebt sich ein Single. In wen? In was? In sich selbst? In die Liebe? In beliebig viele andere? Sollte nicht die Liebe der Kompass durch die Beliebigkeit sein? Stürzen wir wie Steine eines Bogens auf uns zu ins Haltlose? Stützen uns gegenseitig in der Illusion einer unmöglichen Ganzheit? Innig! Gläubig! Treu! Von den Göttern im Himmel vereint?  Der Stille, der Leere, des verzweifelten Wartens! Wenn ihr euch liebt, dann lasst euch gehen!"


Kurioses dank Corona
972. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 14.8.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Corona hat manches Kurioses hervorgebracht, damit hat vorher keiner gerechnet. Unser Neustädter Harry L. berichtet: „Nun muss man sich allenthalben beim Besuch des Schwimmbads elektronisch anmelden und schon über ein Zahlungssystem die Buchungsgebühr vorab bezahlen. In Bokeloh ging´s los, und schon am Eingang wurde ein Vater mit seinen Kindern abgewiesen, weil er das nicht gemacht hat. Meine Frau hatte bei all den elektronischen Spielchen nur eine Karte gebucht. Wir buchten am Eingang mittels Handy nach. Im Becken ging es dann nur im Einbahnstraßen-Rundverkehr. Ich sagte zu meiner Frau: „Achtest du bitte auch auf unsere Tasche auf der Bank.“ Sie konterte. „Wieso? Hier passiert doch nix! Die sind doch alle registriert.“ Im Balneon in Neustadt mussten wir dann einzeln durch die Dusche. Eine Bademeisterin beriet uns dabei. Sie sagte: „Es darf ein Haushalt gemeinsam durch!“ Und so gingen meine Frau und ich seit Jahren, ach was seit Jahrzehnten zum ersten Mal gemeinsam in die öffentliche Dusche. So hab´ ich sie lange nicht gesehen…… Kurios war während der Hochzeit der Beschränkungen auch der Einkauf bei Obi. Meine Frau wollte ein paar Tütchen Blumensamen kaufen. Am Eingang wurden wir getrennt, es hieß, jeder Besucher muss einen Einkaufswagen mit sich beziehungsweise vor sich führen wegen der Abstandsregel. Die normalen Wagen waren aus, und meine Frau griff sich einen großen Transporter, der auch für Saunabausätze geeignet ist. Hinter uns kam eine Mutter mit 13jährigem Sohn. Ebenfalls der Hinweis, jeder Besucher einen Wagen; daraufhin stieg der Sohn in den großen Einkaufswagen, und so wurden sie durchgewinkt. Der Einkaufswagen meiner Frau ließ sich sehr schwer dirigieren. Auch rutschten die Tütchen immer runter. An der Kasse stand an dem Druckschalter für die Geheimzahl ein Schwämmchen, das ich im vorigen Jahrtausend beim Briefmarken anfeuchten nutzte. Jetzt musste man da vorher seine Fingerkuppe eintauchen; dabei werden doch nacheinander gar nicht alle Zahlen genutzt, oder? Wenn jeder seine Geheimzahl laut genannt hätte, hätte jeder dritte sich die Fingerkuppendesinfektion sparen können. Tja, Corona hat manches hervorgebracht, damit hat vorher keiner gerechnet.“


Die Masken des Narren
971. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 30.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Tja, die Masken! Wie ist unsere umfängliche Kommunikation dadurch doch eingeschränkt. Jenes schöne Zusammenspiel von Mund, Augen, Lächeln, Mimik und Sprache! So empfiehlt der Kultursommer der Region wortwörtlich eine Gesichtsmaske! Als wenn unser Gesicht nicht schon immer Maske genug wäre! Und Paul Cornelius dichtet zum Narren: „Masken türmst du, als hättest du kein Gesicht, Worte stürmst du, als kenntest du sie nicht. Auch der libanesisch-amerikanische Philosoph Khalil Gibran („Der Prophet“) hat dazu einen bezaubernden Text geschrieben: „Du fragst mich, wie ich zum Narren geworden bin? Das geschah so: eines Tages, lange bevor die vielen Götter geboren waren, erwachte ich aus einem tiefen Schlaf und gewahrte, daß meine Masken gestohlen worden waren – die sieben Masken, welche ich in sieben Leben verfertigt und getragen hatte.- Unmaskiert rannte ich durch die vollen Straßen und schrie: „Diebe, Diebe, die verdammten Diebe!“ Männer und Frauen lachten. Einige liefen aus Angst vor mir in ihre Häuser. Als ich zum Marktplatz kam, rief ein Junge von einem Hausdach: „Er ist ein Narr!“ Ich blickte empor, um ihn zu sehen: da küßte die Sonne erstmals mein bloßes Antlitz, …und meine Seele entflammte in Liebe zu ihr, und ich wünschte mir keine Masken mehr. Wie in Trance rief ich: „Segen, Segen über die Diebe, die meine Masken gestohlen!“ So wurde ich zum Narren. Und in meiner Narrheit fand ich Freiheit und Sicherheit: die Freiheit der Einsamkeit und die Sicherheit vor dem Verstandenwerden. Denn diejenigen, welche uns verstehen, versklaven etwas in uns“. Aber wir wollen doch verstanden werden, oder? Also, Respekt, Sauberkeit und „Sie sind mit Abstand der beste Leser“. Mit oder ohne Maske!


Das Buch "Riedhaus ist in der „Holunder-Apotheke“ zu haben
970. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 16.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Es war eine eindrucksvolle Veranstaltung: Die Buchvorstellung „Riedhaus“ von Albrecht Göstemeyer sowie eine kritische Würdigung durch den Historiker Dr.Werner Besier am letzten Donnerstag in Bordenau im Rieth-Haus selbst. Besonderer Ehrengast war Ziegelei-Besitzerin Gisela Oberheu, die mit ihrem Rollator durch den Wald geeilt kam. Die wechselvolle Geschichte des Riethhauses beeindruckt: 1929/1930 entstanden, beherbergte es die katholische Jugendbewegung „Quickborn“, die dann in den Dreißiger Jahren auch in die Fänge der Nazis geriet. In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen schreibt Fritz, wie sich ein eingeschleuster Spitzel offenbarte: „Daß wir vor allen damals und möglicherweise unter Gestapo-Kontrolle gerieten, wurde aus einer anderen sehr erregenden Tatsache dann deutlich. Ich bekam eines Tages Kontakt zu einem jungen katholischen Buchhändler aus Leipzig. Er sagte, er sei Quickborner, habe, ich glaube, über die Burg (Rothenfels), meine Adresse erfahren und suche Anschluß bei uns in Bordenau.Sein Name ist mir entfallen, es genügte für mich ohnehin, daß er Helmut hieß. Er erwies sich als guter Freund. Bis er mich eines Tages bei einem Spaziergang an die Seite nahm: „Ich halte es nicht mehr aus, und ich muß dir etwas sagen. Aber wenn das, was ich dir jetzt sage, herauskommt, bin ich ein toter Mann. Versprich mir, daß du schweigst!“ Das habe ich versprochen, und das Versprechen dann auch gehalten. Er erzählte:“ Wir sind in Leipzig durch die Gestapo ausgehoben gewesen. Und als ich nach Hannover fortzog, mußte ich mich hier bei der Gestapo in der Schlägerstraße melden. Dort bekam ich deine Adresse, ich sollte Kontakt aufnehmen und über euch hier in Bordenau berichten. Nach jedem Besuch muß ich einen Bericht einreichen“. Und erzählte, daß er das selbstverständlich so mache, daß er Belastendes nicht zu sagen versuche. Aber allein die Tatsache, daß Haus und Kreis bestünden, sei Anlaß zur Sorge, daß wir in absehbarer Zeit „dran“ wären. Es war eine schlimme Zeit für mich, das zu wissen und schweigen zu müssen.“ Quelle: Festschrift „Tor zur Freude – Haus Rieth 1930 – 1980; Fritz, Seiten 16,17). Es ist also immer wieder eine schmale Grenze zwischen dem „Leben der Anderen“ und der Möglichkeit, sie nicht zu verraten. Und das belletristische Buch „Riedhaus“ ist weiterhin in der „Holunder-Apotheke“ zu erwerben.


Syntax-Rap: "Zeit"
969. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 9.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Allen Schülern, die jetzt erfolgreich ihren Abschluss gemacht haben, wünschen wir von hier aus alles Gute in die besonderen Herausforderungen unserer gemeinsamen Zeit. Als literarischen Bonus bekommt ihr den Abi-Abschluss-Rap von Syntax-Rap aus der Abschlussfeier 2014 an der KGS Neustadt, den Anton Drebs selbst vorgetragen hat. Sein Thema: „Zeit“: „Sekunden verstreichen, es wirkt wie Jahre, Minuten verbleiben einige Tage. Wir erkennen selbst, dass wir die Zeit gar nicht erst haben, doch ändern auch nichts, um uns die Leichtigkeit zu bewahren. Wir bleiben stehen, alles um uns rum wird anders, und du versuchst zu rennen, obwohl du gar nichts erkannt hast. Wie oft wünscht man sich, dass alles so wird, wie´s einmal war, aber alles ist vergänglich, das ist doch eigentlich klar. Lass die Zeit stehen, doch renn´ weiter, du musst heimgehen und du musst einsehen: du kannst es nicht verhindern, denn die Zeit läuft weiter, doch wir bleiben immer Kinder, äußerlich älter und innerlich noch reifer, Freunde werden Eltern und Kinder werden zum Meister; doch letztlich spielen wir uns allen einen Streich dann, denn letztendlich wird uns die Zeit alle bereichern. Ja ich weiß, wir können die Zeit nicht stoppen, können sie nicht verlieren, wir können eigentlich nur hoffen, denn jeder selbst geht sein Leben mit der Zeit und jeder selbst ist eine Stütze seines Seins. Und manchmal kann eine einzige Sekunde alles, was du hattest, verändern und dich verwunden; aber egal, wie tief dich das Leben runterreißt, ist die Zeit das Einzige, was bleibt.“


Cholera in Paris
968. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 1.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Liebe Leserin! Lieber Leser! Ein Spiegel unserer Zeit: Heinrich Heines Bericht von der Cholera in Paris aus dem Jahre1832 ist ein eindrücklicher Text über eine Pandemie, den er als Korrespondent der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ schrieb: „Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung tausendweise ihre Opfer niederwirft. Man hatte jener Pestilenz umso sorgloser entgegengesehn, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnismäßig nur wenige hingerafft. Es schien anfänglich sogar darauf abgesehen zu sein, sie zu verhöhnen, und man meinte, die Cholera werde ebensowenig wie jede andere große Reputation sich hier in Ansehn erhalten können. Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie aus Furcht vor dem Ridikül zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nämlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimiert. Bei dem großen Elende, das hier herrscht, bei der kolossalen Unsauberkeit, die nicht bloß bei den ärmern Klassen zu finden ist, bei der Reizbarkeit des Volks überhaupt, bei seinem grenzenlosen Leichtsinne, bei dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln, mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen. Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekanntgemacht worden, und da dieses der Tag des Mi-Carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser umso lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die in karikierter Mißfarbigkeit und Ungestalt die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahût, einem nicht sehr zweideutigen Tanze, man schluckte dabei allerlei Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hôtel-Dieu, dem Zentralhospitale, wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und die ältern Gäste des Hôtel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“ Der gesamte Text ist über das Gutenberg-Projekt online unter dem Titel „Französische Zustände“ Artikel VI nachzulesen und zu hören beim Kulturevent an diesem Samstag im Mandelsloher Haasenhof!


Martin Drebs, Initiator von "Unser Dorf liest" 

(mehr Infos zu Martin Drebs)

Tel. 05032-1426, FAX 05032-915202
E-Mail: Unser Dorf liest@Bordenau.de


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