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Unser Dorf liest

Arbeitskreis "Unser Dorf liest"

Die aktuelle Kolumne von Martin Drebs

(frühere Kolumnen finden Sie im  Archiv)

 


Die Masken des Narren
971. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 30.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Tja, die Masken! Wie ist unsere umfängliche Kommunikation dadurch doch eingeschränkt. Jenes schöne Zusammenspiel von Mund, Augen, Lächeln, Mimik und Sprache! So empfiehlt der Kultursommer der Region wortwörtlich eine Gesichtsmaske! Als wenn unser Gesicht nicht schon immer Maske genug wäre! Und Paul Cornelius dichtet zum Narren: „Masken türmst du, als hättest du kein Gesicht, Worte stürmst du, als kenntest du sie nicht. Auch der libanesisch-amerikanische Philosoph Khalil Gibran („Der Prophet“) hat dazu einen bezaubernden Text geschrieben: „Du fragst mich, wie ich zum Narren geworden bin? Das geschah so: eines Tages, lange bevor die vielen Götter geboren waren, erwachte ich aus einem tiefen Schlaf und gewahrte, daß meine Masken gestohlen worden waren – die sieben Masken, welche ich in sieben Leben verfertigt und getragen hatte.- Unmaskiert rannte ich durch die vollen Straßen und schrie: „Diebe, Diebe, die verdammten Diebe!“ Männer und Frauen lachten. Einige liefen aus Angst vor mir in ihre Häuser. Als ich zum Marktplatz kam, rief ein Junge von einem Hausdach: „Er ist ein Narr!“ Ich blickte empor, um ihn zu sehen: da küßte die Sonne erstmals mein bloßes Antlitz, …und meine Seele entflammte in Liebe zu ihr, und ich wünschte mir keine Masken mehr. Wie in Trance rief ich: „Segen, Segen über die Diebe, die meine Masken gestohlen!“ So wurde ich zum Narren. Und in meiner Narrheit fand ich Freiheit und Sicherheit: die Freiheit der Einsamkeit und die Sicherheit vor dem Verstandenwerden. Denn diejenigen, welche uns verstehen, versklaven etwas in uns“. Aber wir wollen doch verstanden werden, oder? Also, Respekt, Sauberkeit und „Sie sind mit Abstand der beste Leser“. Mit oder ohne Maske!


Das Buch "Riedhaus ist in der „Holunder-Apotheke“ zu haben
970. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 16.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Es war eine eindrucksvolle Veranstaltung: Die Buchvorstellung „Riedhaus“ von Albrecht Göstemeyer sowie eine kritische Würdigung durch den Historiker Dr.Werner Besier am letzten Donnerstag in Bordenau im Rieth-Haus selbst. Besonderer Ehrengast war Ziegelei-Besitzerin Gisela Oberheu, die mit ihrem Rollator durch den Wald geeilt kam. Die wechselvolle Geschichte des Riethhauses beeindruckt: 1929/1930 entstanden, beherbergte es die katholische Jugendbewegung „Quickborn“, die dann in den Dreißiger Jahren auch in die Fänge der Nazis geriet. In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen schreibt Fritz, wie sich ein eingeschleuster Spitzel offenbarte: „Daß wir vor allen damals und möglicherweise unter Gestapo-Kontrolle gerieten, wurde aus einer anderen sehr erregenden Tatsache dann deutlich. Ich bekam eines Tages Kontakt zu einem jungen katholischen Buchhändler aus Leipzig. Er sagte, er sei Quickborner, habe, ich glaube, über die Burg (Rothenfels), meine Adresse erfahren und suche Anschluß bei uns in Bordenau.Sein Name ist mir entfallen, es genügte für mich ohnehin, daß er Helmut hieß. Er erwies sich als guter Freund. Bis er mich eines Tages bei einem Spaziergang an die Seite nahm: „Ich halte es nicht mehr aus, und ich muß dir etwas sagen. Aber wenn das, was ich dir jetzt sage, herauskommt, bin ich ein toter Mann. Versprich mir, daß du schweigst!“ Das habe ich versprochen, und das Versprechen dann auch gehalten. Er erzählte:“ Wir sind in Leipzig durch die Gestapo ausgehoben gewesen. Und als ich nach Hannover fortzog, mußte ich mich hier bei der Gestapo in der Schlägerstraße melden. Dort bekam ich deine Adresse, ich sollte Kontakt aufnehmen und über euch hier in Bordenau berichten. Nach jedem Besuch muß ich einen Bericht einreichen“. Und erzählte, daß er das selbstverständlich so mache, daß er Belastendes nicht zu sagen versuche. Aber allein die Tatsache, daß Haus und Kreis bestünden, sei Anlaß zur Sorge, daß wir in absehbarer Zeit „dran“ wären. Es war eine schlimme Zeit für mich, das zu wissen und schweigen zu müssen.“ Quelle: Festschrift „Tor zur Freude – Haus Rieth 1930 – 1980; Fritz, Seiten 16,17). Es ist also immer wieder eine schmale Grenze zwischen dem „Leben der Anderen“ und der Möglichkeit, sie nicht zu verraten. Und das belletristische Buch „Riedhaus“ ist weiterhin in der „Holunder-Apotheke“ zu erwerben.


Syntax-Rap: "Zeit"
969. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 9.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Allen Schülern, die jetzt erfolgreich ihren Abschluss gemacht haben, wünschen wir von hier aus alles Gute in die besonderen Herausforderungen unserer gemeinsamen Zeit. Als literarischen Bonus bekommt ihr den Abi-Abschluss-Rap von Syntax-Rap aus der Abschlussfeier 2014 an der KGS Neustadt, den Anton Drebs selbst vorgetragen hat. Sein Thema: „Zeit“: „Sekunden verstreichen, es wirkt wie Jahre, Minuten verbleiben einige Tage. Wir erkennen selbst, dass wir die Zeit gar nicht erst haben, doch ändern auch nichts, um uns die Leichtigkeit zu bewahren. Wir bleiben stehen, alles um uns rum wird anders, und du versuchst zu rennen, obwohl du gar nichts erkannt hast. Wie oft wünscht man sich, dass alles so wird, wie´s einmal war, aber alles ist vergänglich, das ist doch eigentlich klar. Lass die Zeit stehen, doch renn´ weiter, du musst heimgehen und du musst einsehen: du kannst es nicht verhindern, denn die Zeit läuft weiter, doch wir bleiben immer Kinder, äußerlich älter und innerlich noch reifer, Freunde werden Eltern und Kinder werden zum Meister; doch letztlich spielen wir uns allen einen Streich dann, denn letztendlich wird uns die Zeit alle bereichern. Ja ich weiß, wir können die Zeit nicht stoppen, können sie nicht verlieren, wir können eigentlich nur hoffen, denn jeder selbst geht sein Leben mit der Zeit und jeder selbst ist eine Stütze seines Seins. Und manchmal kann eine einzige Sekunde alles, was du hattest, verändern und dich verwunden; aber egal, wie tief dich das Leben runterreißt, ist die Zeit das Einzige, was bleibt.“


Cholera in Paris
968. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 1.7.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Liebe Leserin! Lieber Leser! Ein Spiegel unserer Zeit: Heinrich Heines Bericht von der Cholera in Paris aus dem Jahre1832 ist ein eindrücklicher Text über eine Pandemie, den er als Korrespondent der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ schrieb: „Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung tausendweise ihre Opfer niederwirft. Man hatte jener Pestilenz umso sorgloser entgegengesehn, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnismäßig nur wenige hingerafft. Es schien anfänglich sogar darauf abgesehen zu sein, sie zu verhöhnen, und man meinte, die Cholera werde ebensowenig wie jede andere große Reputation sich hier in Ansehn erhalten können. Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie aus Furcht vor dem Ridikül zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nämlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimiert. Bei dem großen Elende, das hier herrscht, bei der kolossalen Unsauberkeit, die nicht bloß bei den ärmern Klassen zu finden ist, bei der Reizbarkeit des Volks überhaupt, bei seinem grenzenlosen Leichtsinne, bei dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln, mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen. Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekanntgemacht worden, und da dieses der Tag des Mi-Carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser umso lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die in karikierter Mißfarbigkeit und Ungestalt die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahût, einem nicht sehr zweideutigen Tanze, man schluckte dabei allerlei Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hôtel-Dieu, dem Zentralhospitale, wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und die ältern Gäste des Hôtel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“ Der gesamte Text ist über das Gutenberg-Projekt online unter dem Titel „Französische Zustände“ Artikel VI nachzulesen und zu hören beim Kulturevent an diesem Samstag im Mandelsloher Haasenhof!


Reisesegen
967. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 25.6.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nun hatten vor zwei Wochen die Reisererleichterungen endlich begonnen, die Grenzen Europas öffneten sich langsam wieder und uns wurde schmerzhaft klar, was wir weltweit in diesen Monaten alles verpasst hatten: die Kreuzfahrten zum Beispiel, das sind diese schwimmenden Hochhäuser, wo du jemand Nettes im Aufzug triffst und dann vier Wochen nicht wieder, das waren Abenteuerreisen in ferne Berge, wo der Hubschrauber abends das warme Essen einfliegt, oder abgesperrte Resorts , in denen uns die folkloristischen Einheimischen bespaßen sollten. Nein, alles Quatsch! Jetzt sollten wir uns erstmal auf die heimische Umgebung konzentrieren: Blühstreifenwanderungen durch die Uckermark, Schäfchen-Zählen in Stöckendrebber, Kanufahrten auf der Südlichen Aue und Rosenzüchten auf Balkonien. Aber das alles natürlich mit Abstand und Anstand. Beim Wandern etwa schön weit auseinander, am besten gleich mit Handy, Kirchen unterwegs nur einzeln betreten und bloß nicht singen! Wenn schon, dann mit dem Rücken zueinander, zum Beispiel den „Irischen Reisesegen“. Immer genug Sonne im Rücken! Jetzt droht uns die Zweite Welle. Bleiben Sie also gesund, fahren Sie nicht nach Gütersloh, dann dürfen Sie nicht mehr an die Ostseeküste. Und: Aerosolen Sie sich nicht so an, denn Sie sind mit Abstand der beste Leser!


"RIEDHAUS"
966. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 18.6.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Es ist ein neues Buch über Bordenau erschienen: „Riedhaus“ von Albrecht Göstemeyer. Der Autor lebt in Hildesheim. Hier der Inhalt: „In der Leineniederung zwischen Hannover und Neustadt, einer Landschaft von herber Romantik, steht das Riedhaus. Es ist ein einfaches Gebäude, gedacht als Wohnhaus für Wochenenden und Ferienzeiten. Erbaut wurde es zwischen den beiden Weltkriegen von einer losen Gemeinschaft Hannoveraner Familien, die der Wandervogelbewegung nahestanden. Für die Kinder der Familien war es ein Freizeitparadies; sie nutzten es als Abenteuerspielplatz, erlebten hier ihre Kindheit und später ihre ersten Liebschaften. Doch das Haus und seine Umgebung bergen auch viele Geheimnisse, deren Ursprung sich nicht immer ergründen lässt. Im Mittelpunkt der Gemeinschaft stehen die beiden Freundinnen Friederike und Stefanie. Stefanie hat eine jüdische Großmutter, die im Riedhaus Ereignisse von erheblicher Dramatik durchlebt hat. Mit ihrem Freund Christoph zusammen besucht Stefanie in Namibia einen Bekannten aus der Gemeinschaft, der dorthin ausgewandert ist. Dort geschieht etwas, das Stefanies Leben einschneidend verändern wird“. Die Buchvorstellung „Riedhaus“ sowie eine kritische Würdigung durch den Historiker Dr.Werner Besier wird in Bordenau im Riedhaus am Donnerstag, den 9. Juli 2020, ab 17.00 Uhr stattfinden unter Beachtung aller Schutzmaßnahmen. Deshalb wird auch um namentliche Voranmeldung bei Martin Drebs, Telefon 05032/1426 gebeten. Herzliche Einladung! Das Buch ist dann auch für 11 Euro über die Bordenauer Bücherbude in der Holunder-Apotheke zu erhalten.


Immer ausverkauft
965. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 11.6.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nun lockern wir uns wieder; nur Kinos und Theater haben noch Schwierigkeiten. Da hilft auch wieder ein Blick in die Theatersatiren; vor vielen Jahren schlug nämlich ein Kritiker vor, man könne ja aus einem großen Theater mit 1000 Plätzen auch 10 mit 100 oder 100 mit 10 Plätzen machen; oder sogar 1000 Theater mit einem Platz. Da wär` man immer ausverkauft und sicher wär´s auch.


„Die Stille“
964. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 21.5.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

In dem Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez von 1985 hisst das endlich vereinte Liebespaar die gelbe Flagge der Quarantäne, um ungestört einander zu begegnen. Heutzutage haben die weitentfernten Geliebten, besonders die internationalen, die die Welt an ihren Bruchstellen zusammenhalten, gerade durch die Reisebeschränkungen schwere Wochen hinter sich. Der Dichter Rainer Maria Rilke hatte davon um 1900 in seinem Gedicht „Die Stille“ schon eine Ahnung und liefert die mögliche Lösung mit:

„Hörst du Geliebte, ich hebe die Hände -
hörst du: es rauscht...
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir.
Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder......
... aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.“


„Liebe – von gestern?“
963. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 14.5.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Letzte Woche war Muttertag. Gibt es eigentlich einen Großmuttertag? Für Elke Horaitis in ihrem Gedicht „Liebe – von gestern?“ auf jeden Fall:

„Liebe – von gestern?“

Ach, damals war's vor fünfzig Jahren,
als ich - mit schön toupierten Haaren
- saß aufgeregt und träumerisch
am reich gedeckten Kaffeetisch.
Mein ausgewählter Bräutigam
durchlebte tapfer das Programm
´Großeltern, Eltern´ mit kritischen Augen:
Wird dieser Mensch zum Heiraten taugen?
Kann er sie auch gebührend ernähren
und kann sie in Ruhe Kinder gebären??
Ihr lieben Leser, das ist jetzt Geschichte
und wenn ich's betrachte bei hellem Lichte:
Die Enkel entscheiden heut völlig allein,
wen sie erwählen zum Glücklichsein
Gut so! Das ist vernünftig und richtig,
denn eines im Leben ist wirklich wichtig:
Die Liebe ganz tief im Herzen zu spüren
und nicht sich in Äußerlichkeiten verlieren!!!


"Das Leben ist ein Traum"
962. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 23.4.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

„Was ist Leben? Irrwahn bloß!/Was ist Leben? Eitler Schaum,/Trugbild, ein Schatten kaum,/Und das größte Glück ist klein;/Denn ein Traum ist alles Sein,/ Und die Träume selbst sind Traum.“ Zum Welttag des Buches zitieren wir aus dem Drama "Das Leben ist ein Traum", eines der bekanntesten Versdramen des spanischen Dramatikers und Poeten Pedro Calderón de la Barca – erschienen 1636. Es behandelt in drei Akten die Frage nach dem freien Willen und dem Schicksal. Basilius, König von Polen, liest aus den Sternen, dass die Geburt seines einzigen Sohnes Sigismund unter schlechten Vorzeichen steht. Aus Sorge, der Sohn werde als sein Nachfolger eine Tyrannenherrschaft über Polen ausrufen, lässt er Sigismund bereits als Kind in ein Turmverlies werfen, in dem dieser die Welt ausschließlich aus den Erzählungen des ihm zum Lehrmeister bestellten Clotaldo kennenlernt. Als Basilio älter wird und sich die Nachfolgefrage stellt, beschließt der König, seinen Sohn und die Sterne doch auf die Probe zu stellen. Unter der Einwirkung eines Schlafmittels wird Sigismund zum ersten Mal und unvermittelt ins Königsschloss gebracht und mit allen Mitteln und Annehmlichkeiten der Macht ausgestattet. Über seine wahre Identität und Geschichte aufgeklärt, lässt Sigismund die Befürchtungen seines Vaters wahr werden. Kaum an die Macht gekommen, regiert der Sohn mit Mord und einer versuchten Vergewaltigung. Sigismund wird erneut in den Kerker geworfen. Um ihn zu trösten, soll ihm der Tag seiner Regentschaft nur als ein kurzer Traum erscheinen, aus dem er nun erneut in der Gefangenschaft erwacht. Als Aufständische Sigismund kurze Zeit später abermals aus seinem Gefängnis befreien und ihn erneut zum Regenten küren, hat Sigismund jedoch aus seinen Erfahrungen gelernt. Nach dem Kampf gegen die Truppen des Vaters erweist er sich bei der neuerlichen Verwirklichung seines Traums als weiser und gerechter Herrscher. Bekannte Bearbeitungen gibt es von Franz Grillparzer: Der Traum ein Leben (1840) und von Hugo von Hofmannsthal: Der Turm. Motive und Personen des Stückes verwendet Pier Paolo Pasolini für sein Drama „Calderón“ von 1973. Noch einmal Calderon: „Nichts Ewiges kann das Glück uns geben, denn flüchtiger Traum ist Menschenleben, und selbst die Träume sind ein Traum!“ „Vertraumen“ wir uns also weiter den glaubwürdigen medialen Erzählungen der Welt an!


"Der Frühling"
961. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 16.4.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Was war da noch alles außer Corona? Unsere Sehnsucht nach der Normalität, der Vielfalt, der Spontaneität! Ach ja, Beethoven- und Hölderlin-Jubiläen! Und der Frühling ist auch noch da! Und da gibt es ein Gedicht von Friedrich Hölderlin: „Der Frühling“. Das haben wir im letzten Jahr in der Kempowski-Lesung schon gehört. Kempowskis Buch „Echolot“ befasst sich auch mit einer großen Erschütterung, und die Natur bringt den Frühling und auch Viren hervor. Eben deshalb:

„Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,
Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben
Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder
Und festlich machen sich Gesang und Lieder.
Das Leben findet sich aus Harmonie der Zeiten,
Daß immerdar den Sinn Natur und Geist geleiten,
Und die Vollkommenheit ist Eines in dem Geiste,
So findet vieles sich, und aus Natur das Meiste.“
Friedrich Hölderlin am 24 Mai 1758


Osterspaziergang
960. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 10.4.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Wie seltsam klingen uns die Volkslieder und klassischen Texte in dieser Zeit. Margot Käßmann schlug „Der Mond ist aufgegangen“ für unseren kranken Nachbarn vor. „Kein schöner Land in dieser Zeit“ klänge da auch eigentümlich. Selbst Goethes „Osterspaziergang“ beginnt falsch, denn das Land bleibt mit einer Eisdecke überzogen. Und auch in der Menge sollten wir Abstand halten. Dennoch:

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein!“


Perspektivenwechsel
959. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 4.3.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Vieles geht jetzt zur poetischen Bewältigung der Lage durch die Medien. Wir finden ein Gedicht der 1962 geborenen ostfriesischen Autorin Birgit Rutenberg besonders treffend, da es sich von oben und unten gleichermaßen lesen lässt und dabei die Perspektive, mit der die Menschen an die Krise herangehen, wechselt. Probieren Sie es aus; das gab es in dieser Kolumne noch nicht! Also einmal von oben und dann von unten lesen!

Corona- Ein Perspektivenwechsel

Corona ist eine Chance!
Nein, die Wahrheit ist
dass Corona nur den Tod bringt
dass es uns zerstört
dass Corona uns alles nimmt
Ich glaube nicht
dass Corona unsere Rettung ist
dass es uns erweckt
uns entschleunigt
dass Corona durch Distanz zeigt, wie wertvoll Nähe ist
Es ist doch so
dass Corona uns voneinander entfernt
uns in den sozialen Abgrund stürzt
uns vernichtet
dass Corona uns einsam macht
Ich weigere mich zu akzeptieren
dass Corona uns zeigt, worauf es im Leben ankommt
dass wir menschlicher werden
zusammenhalten
aneinander denken
dass wir nachdenken
Es ist doch offensichtlich
dass Corona die neue Pest ist
dass wir alle sterben werden
dass dies unser Ende ist
Es wäre gelogen, würde ich sagen
Corona bringt uns zusammen!


Vereinfache dein Leben
958. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 26.3.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Jetzt ist es wieder soweit: das Frühjahr lockt. Die Vögel tirilieren ansteckend frohmütig, und die Sonne bahnt sich ihre Kraft durch wintergraue Wolken bis auf unsere Haut. Da will man nicht abseits sitzen und versauerkrauten, da muss man einfach aufstehen und mit dem Frühjahrsputz beginnen, auch in diesen isolierten Zeiten, oder vielleicht gerade deshalb! Alles will sauber werden, die Räume, die Fenster und eben auch so Kleinigkeiten wie der Staub in den Steckdosen oder die Fliesenfugen in der Dusche. Am besten fangen wir mit der Küche an, linke Ecke zuerst, linker Hängeschrank, die vielen alten kleinen und großen gesammelten Gläser, die haben wir ja jahrelang nicht weggeschmissen, wie Oma in den 50ern, obwohl heute kaum noch jemand einkocht, wär vielleicht doch besser gewesen! Jetzt heißt es nur: „Vereinfache dein Leben“! Tolle Erkenntnis! Das muss gefeiert werden, am besten mit Champagner! Singend ziehen wir durch die Küche und kommen doch auf den Hängeschrank zurück. Ich liege fast mit dem gesamten Körpergewicht auf der Zwischenplatte, um an die letzten Ecken dranzukommen. Und da passiert es: Eine Zwischendecke löst sich, und ich falle mit dem Oberkörper in den Hängeschrank. Nun muss man Folgendes wissen: der Schrank war seinerzeit beim Einbau aus einer anderen Küchenkombination ausgewählt und nur mit gutwilliger Klemmtechnik eingesetzt worden. Jahrelang war die erfolgreiche Konstruktion bewundert worden, jetzt rächt sich der „Küchenstudiogeist“: die Klemme löst sich unter großem Ächzen, und der Schrank kippt erst gegen die Wand und dann nach unten. Dabei muss er so mit dem Putz verpappt gewesen sein, dass sich ein großes Stück löst und sich unter extremer Staubentwicklung in die Küche ergießt. Leider auch in die Champagnergläser. Die Feier ist zu Ende und ernüchtert betrachten wir, meine Frau und ich, das Loch in der Wand. Fortsetzung folgt!


„Rückkehr des Menschlichen“
957. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 18.3.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Anfang der Woche schrieb Imre Grimm in der HAZ für das "RedaktionsNetzwerk Deutschland" einen besonderen Leitartikel zur Coronakrise. Mit seiner Zustimmung können wir von der „Rückkehr des Menschlichen“ berichten: „In der Krise beweist sich der Charakter. Das sagte schon Helmut Schmidt. In Zeiten der Sturmflut und in Zeiten des Terrors hatte er gelernt: Not macht gute Menschen besser – und schlechte schlechter. Beides gilt auch in der Viruskrise. Ja, es gibt jetzt die Coronaegoisten. Sie klauen Desinfektionsmittel von Kinderkrebsstationen. Sie verhökern Mundschutz zu Mondpreisen. Sie wuchten 100 Kilo Nudeln in ihre Kofferräume, als gebe es kein Morgen. Aber sie sind, so scheint es, die Ausnahme. In der großen Mehrheit bringt das Coronavirus inzwischen das Gute im Menschen zum Vorschein. Im Kreis von Nachbarn, Familie und Freunden machen viele in diesen Tagen verblüffend positive Erfahrungen: Die Welt ist plötzlich voll von tröstlichen kleinen Wundern. Ringsum wächst Solidarität. Nachbarn vereinbaren abends die Kinderbetreuung der nächsten Tage. Wer kann helfen? Wer hat Zeit? Wer hat eine Idee? Spontan gegründete Gruppen machen Hilfsangebote, auf Whatsapp oder per Aushang im Hausflur. „Irgendwie grüßt man sich auch anders“, sagt eine Nachbarin. Menschen klingeln bei der älteren Dame im Erdgeschoss, einfach um zu fragen, ob sie ihr etwas vom Supermarkt mitbringen sollen. Kinder rufen mal wieder ihre alten Eltern an. Familien erinnern sich daran, dass sie welche sind. Plötzlich zeigt sich, dass Krisenzeiten auch ihr Gutes haben können. Dass nicht zwingend Ichsucht und Rücksichtslosigkeit das Regiment übernehmen müssen. Italiener singen in den Häuserschluchten ihrer Städte Volkslieder und Opernchöre zur gegenseitigen emotionalen Stärkung. Und sie applaudieren auf den Balkonen ihrer Wohnungen den in Einsatzfahrzeugen vorbeifahrenden Ärzten und Sanitätern. „Die Nudeln sind irgendwann aufgegessen, aber die Werte, für die wir in der Gemeinschaft kämpfen, die bleiben“, sagt der Psychotherapeut Jan Kalbitzer. Nachbarschaftsaktionen, unterstützt durch Netzwerke wie Twitter, markieren jetzt eine Rückbesinnung aufs Reale. Allzu oft hoben in der Viruskrise völlig nutzlose Internetdebatten an. Da gab es Leute, die aufgeregt die neuesten Verschwörungstheorien weiterreichten. Und da gab es andere, die sich ihrerseits über die Verschwörungstheoretiker aufregten. Unterm Strich drohte damit ein Verlust des Mitgefühls für die echten Menschen um uns herum. Genau dieses Mitgefühl braucht es aber in Zeiten wie diesen. Bestehen wir diese Prüfung unseres Charakters? Bekommen wir es vielleicht sogar hin, dass soziale Kälte und politische Aggressivität wieder abnehmen? Die Zeichen für eine Renaissance der Menschlichkeit häufen sich. Hoffen wir, dass dieser Trend anhält.“


"Nemesis“
956. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 14.3.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Heute wird´s gleichsam klassisch und doch aktuell mit Goethes Gedicht „Nemesis“:
Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet, Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen. Auch hab' ich oft mit Zaudern und Verpassen Vor manchen Influenzen mich gehütet. Und ob gleich Amor öfters mich begütet, Mocht' ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen. So ging mir's auch mit jenen Lacrimassen, Als vier - und dreifach reimend sie gebrütet. Nun aber folgt die Strafe dem Verächter, Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe. Ich höre wohl der Genien Gelächter; Doch trennet mich von jeglichem Besinnen Sonettenwut und Raserei der Liebe.“


"Fragmente der Erinnerung“
955. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 6.3.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Sie ist eine großartige Frau, stammt aus den Masuren und hat eine dramatische Flucht nach Hannover hinter sich. Heute lebt sie glücklich mit ihrem Mann in Neustadt-Bordenau, hat hier Jahrzehnte den Büchergarten gepflegt und auch bei „Bordenau liest“ mitgemacht. Jetzt hat Johanna Korte ihre Erinnerungen in ein Buch gefasst und liest daraus am Montag, dem 9. März 2020, um 15.30 Uhr in der Dorfwerkstatt Bordenau, Birkenweg 3a. Der Eintritt ist frei. Eine kleine Geschichte hat sie uns schon verraten: „Der Brief! Es war während der Kriegszeit im Jahr 1943. Meine Mutter schrieb einen Brief an meinen Vater, der an der Front war. Sie legte einige Zigaretten in den Briefumschlag, so dass dieser ziemlich dick war. Meine ältere Schwester Lisbeth und ich sollten ihn nun zur Post bringen. Wir benutzten den kleinen Holzsteg über den Fluss. Plötzlich fiel meiner Schwester der Brief aus der Hand und landete im Wasser. Die Strömung trug ihn weiter. Wir rannten am Ufer hinterher und versuchten, den Brief zu fischen. Zum Glück verfing er sich im Geäst, und so konnten wir ihn bergen. Die Postfrau tröstete uns und versprach, unserer Mutter nichts davon zu erzählen. Sie wolle den Brief trocknen, die Anschrift nachschreiben und ihn dann auf den Weg schicken.“


"LICHTBLICKE“
954. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.2.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

In dunkler Zeit sendet uns Barbara Weissköppel in ihrer typischen Setzweise vorübergehend wieder eines ihrer kleinen, aufhellenden Gedichte:
LICHTBLICKE
GRAU, EINERLEI, SO
ZEIGT SICH DER WINTER,
MACHT NICHT FROH, ES
GIBT ABER
LICHTBLICKE, ES GIBT
EINE WIESE AUS
BUTTERGELBEN WINTERLINGEN.
ES GIBT SCHNEEGLÖCKCHEN,
DIE BRAV IN
DICKEN WEISSEN TUFFS
BEI EINANDER STEHN,
ZAUBERHAFT
ANZUSEHN´N, EBEN
LICHTBLICKE IM
VORÜBERGEH´N.


Gisela Oberheu: „Geboren 1940“
953. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 19.2.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

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Gisela und Wilhelm Oberheu vor dem Gebäude mit dem Brennofen, welches seine Eltern 1931 errichteten.
Foto: Patricia Chadde
Geboren 1940, so auch der Titel ihres Buches mit Erinnerungen, Gedanken und Geschichten. Sie wird in der Kleinstadt Wunstorf in einfache Verhältnisse hinein geboren. Als Kind erfährt sie Armut und Hunger. Als Mädchen mit geringer Schulausbildung muss sie schon früh arbeiten gehen und findet eine Anstellung in Bordenau: „Am 1.Juni 1954 fuhr ich zum ersten Mal nach Bordenau…am Blumenauer Schloss vorbei Richtung Liethe und dann immer geradeaus, bis rechter Hand die Bordenauer Brücke mit den Wiesen auftauchte. Kurz vor der Brücke lag links das Bordenauer Fährhaus, während sich auf der rechten Straßenseite eine merkwürdige Holzkonstruktion entlang zog, die vom Fährhaus bis zur Brücke führte. Es war der Hochwassersteg. Doch an diesem Tag ahnte ich noch nicht, wie wichtig er für mich einmal werden würde…. Ab 1960 begann die schönste Zeit meines Lebens. 1960 lernte ich Wilhelm kennen. Wilhelm besaß eine Ziegelei. Ein kleiner Betrieb außerhalb des Dorfes, umgeben von Wald und Wiesen. 1961 heirateten wir.Da saß ich nun in einem Haus, das fast 2 km vom Dorf entfernt war, ohne elektrisches Licht…. In diese Idylle wurde 1962 unsere Tochter Susanne geboren. Ich hatte alles, was ich brauchte: Einen Mann, der mich liebte, eine süße kleine Tochter und ein herrliches Grundstück.“ Von hier aus versorgten sie die Welt mit besonderen Ziegeln und prägten auch das Leben des Dorfes. Als sie vor zehn Jahren 70 wurde, fragte man sie: “Wie fühlt man sich so mit 70?“„Ich fühle mich wie ein Bergsteiger, der den Gipfel fast erreicht hat. 70 Jahre habe ich mich abgestrampelt.Dabei habe ich mich nicht beeilt, möglichst schnell alt zu werden, aber es führt ja kein Weg daran vorbei….Wenn ich leben will, muss ich den Berg hochsteigen.“

Und als Lese-Oma an der Scharnhorstschule setzte sie ihr Alter sogar als pädagogischen Impuls ein: „Ich mach mit Lisa aus der zweiten Klasse Schularbeiten. Sie hat Mathe auf. Drei mal drei sind neun. Das ist seit Adam Riese so. Aber jede Generation hat ihre eigene Lernmethode. Darum lass ich mir alles erklären. „Erzähl mir, wie ihr das rechnet. Ich weiß das nicht“, sagte ich zu ihr. Da sieht sie mich von der Seite an und sagt: „Du bist ganz schön alt, was?“  Da hab ich herzlich gelacht und zu ihr gesagt: „Ja, Kind. Und darum musst du mir alles genau erklären.“ – Viele dieser schönen Geschichten hat sie fürs Leineradio eingelesen. Morgen nun wird Gisela Oberheu 80 Jahre jung, ihr Berg wächst noch, solange sie steigt. Wir gratulieren herzlich! Danke, dass Du da bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.! Alle Zitate in Anführungsstrichen sind aus ihrem Buch.


„Drei Spatzen“
952. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 6.2.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Christian Morgenstern hätte vielleicht auch seine Freude an der namentlichen Aktualisierung seiner „Drei Spatzen“. Und sind die Zeiten schon wieder so, dass sich die Literaten in die Mythen und Märchen flüchten, um ihre Kritik an den Zuständen auszudrücken?
„In einem leeren Haselstrauch,
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
Der Thomas rechts und links der Mike
und mittendrin der freche Björn.
Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und oben drüber, da schneit es, hu!
Sie rücken zusammen dicht an dicht,
so warm wie Björn hat's niemand nicht.
Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.“


Vom Fotosatz zur Vektorgrafik
951. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 1.2.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Was kann man aus der Geschichte lernen? Manche meinen, dass man nichts daraus lernen kann! Okay, soweit so gut! Und doch verbinden uns Sprache und Schrift in ihrer Gegenwart mit den hergebrachten, auch geschichtlichen Erfahrungen. Jetzt ist zum Thema Schrift die Bachelor-Arbeit von Lena Schmidt an der HAW Hamburg abgegeben worden. Wir dürfen zitieren. „Für Schriftgestalter*innen ist die Faszination und Anziehungskraft der Geschichte der Schrift unausweichlich. Schrift ist Geschichte, sie verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes Jahrtausende in sich und ihrem Korpus. Wer einmal diese Tiefe der Beschäftigung mit Schrift erreicht hat, wird davon nicht mehr loslassen können. Schrift muss in vielerlei Hinsicht historisch sein, wenn sie nicht auf historische Formen Bezug nehmen würde, würden wir nichts in ihr erkennen. Ihre Formen wären bedeutungslos für uns. …Alejandro Lo Celso … beschreibt …, dass er einen romantisch-poetischen Aspekt in dem Hervorholen von etwas Vergangenem in die Gegenwart spürt. Das Schriftrevival macht einen großen Teil der Schriftgeschichte aus, da es in der Entwicklung immer wieder darum ging, vorhandene Schriften neuen technischen Gegebenheiten oder auch neuen Ansprüchen anzupassen und sie in neue Zeiten zu überführen. Ein solcher Technologiewandel ereignete sich ab Anfang der fünfziger Jahre. Jahrhundertelang wurde im Buchdruckverfahren gedruckt, bis dann 1949 die Photon Corporation in Cambridge, Massachusetts, erstmals die Fotosatz-Technologie vorstellte. In dieser Technik wurden anfangs die Bleibuchstaben ersetzt durch Licht, das durch eine Schablone auf ein lichtempfindliches Papier projiziert wurde … Mitte der achtziger Jahre entwickelte sich der persönliche Heimcomputer zum Massenphänomen. Die ersten Bitmap-Fonts für den Heimgebrauch hatten stark deformierte kantige, pixelige Formen, was an der sehr niedrigen Auflösung der ersten Bildschirme lag. …Die darauffolgende und heute noch gültige Open-Type-Technologie speichert den Font ausschließlich, also auch für die Bildschirmdarstellung, als Vektorgrafik. Die Schrift wird als mathematisches System gespeichert und kann so ohne Qualitätsverlust übertragen und skaliert werden. Die moderne Form der Schrift als mathematisches Konzept in einem virtuellen Raum war geboren.“ Da schauen Sie aber gleich mal nach, welches Schriftbild Sie bevorzugen.


Das unbeschriebene Blatt
950. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 23.1.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Dagmar Wicke grüßt literarisch mit einem kleinen Gedicht zur Weisheit!: „Ich bin ein unbeschriebenes Blatt, die Zeichen, die du auf mich setzt, ich will sie alle tragen. Und mögen sie auch dunkel sein, so werden sie zu allerletzt von meiner Weisheit sagen.“


Literarische Jahresvorschau
949. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.1.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Und hier nun die versprochene literarische Jahresvorschau: klar es gibt wieder jede Menge Neuerscheinungen und Messen und Preise. Auch „Bordenau liest: wird Anfang Oktober einladen, diesmal zum 21. Jubiläum, und wir planen, einen oder eine große Vorleser/in einzuladen, Eva Mattes haben wir schon angeschrieben, es könnte aber auch Matthias Brandt werden. Im wirklichen Sinne kann niemand über das neue Jahr etwas Zutreffendes aussagen, doch die Literatur selbst hat sich immer wieder mit der Zukunft beschäftigt, in Fantasieromanen oder sozialen Utopien wie Thomas Mores UTOPIA, Francis Bacons NEU-ATLANTIS oder Tommaso Campanellas SONNENSTAAT. Auch George Orwells „1984“ gehört zu den sozialen Science-Fiction-Romanen, die die Überwachung der Gesellschaft darzustellen versuchen. In neuerer Zeit hat das die zeitgenössische Autorin Juli Zeh mit ihrem Gesundheitsstaat CORPUS DELICTI gewagt. Zwei Neuerscheinungen, die sich besonders mit den neuen technologischen Möglichkeiten beschäftigen, seien dennoch herausgestellt. Michael Meisheit „Wir sehen dich sterben“: Berlin: An einem Dezembersonntag soll MyView der Weltöffentlichkeit präsentiert werden. Bei dem geheimen Projekt wurde eine bahnbrechende Technologie entwickelt: Mithilfe eines Chips im Sehnerv kann das Blickfeld eines Menschen live auf einen Bildschirm übertragen werden. Einen Tag vor der Präsentation entdeckt die junge Wissenschaftlerin Nina Kreutzer Videostreams, die durch die Augen von sechs ihr unbekannten Menschen blicken lassen. Menschen, die offensichtlich nicht wissen, dass ihnen ein Chip implantiert wurde – und die jetzt einer nach dem anderen ermordet werden. Zusammen mit dem Polizisten Tim Börde beginnt für Nina ein Wettlauf gegen die Zeit …und das Buch von Ian McEvan, „Maschinen wie ich“: Charlie ist ein sympathischer Lebenskünstler Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen 'Adam' geliefert bekommt, einen der ersten lebensechten Androiden. In ihrer Liebesgeschichte gibt es also von Anfang an einen Dritten: Adam. Kann eine Maschine denken, leiden, lieben? Adams Gefühle und seine moralischen Prinzipien bringen Charlie und Miranda in ungeahnte - und verhängnisvolle - Situationen.


Literaturnobelpreise
948. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 11.1.20

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nun haben wir sie wieder, die Jahresrück- und -vorschaun. Halten wir uns im engeren Sinne ans Wort. In letztem Jahr wurden zwei Literaturnobelpreise verliehen. Der eine ging an die engagierte polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, der andere an den deutschsprachigen Autor Peter Handke aus Österreich mit slowenischen Wurzeln - für sein Gesamtwerk mit einigen umstrittenen Werken zum Jugoslawienkrieg. Dadurch bekam er Ärger mit einem anderen Deutschen Buchpreisträger 2019, nämlich Saša Stanišić aus Bosnien-Herzegowina, der seit 1992 in Deutschland lebt. Mit seiner Neuerscheinung „Herkunft“ steht er momentan auf den Spiegelbestsellerlisten: ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden und was danach kommt. Nach seinen erfolgreichen Büchern „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ und „Vor dem Fest“ schildert „Herkunft“ hochliterarisch und dennoch realistisch die gelungene Integration in die deutsche Sprache und den mitteleuropäischen Verfassungsraum mit seinen besonderen Möglichkeiten. Nächste Woche geht es weiter mit einer literarischen Jahresvorschau!


Vielen Dank, liebe Lesende.
947. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 19.12.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nun neigt sich das Jahr seinem wohlverdienten Ende zu. Und wir möchten einfach mal Danke sagen für all Ihre Aufmerksamkeit beim Lesen dieser kleinen Kolumnen am Rande des Blätterwaldes. Seit über 20 Jahren liefern wir, bald ist es die 1000. Kolumne und wir wollen uns auch damit ans Guinness-Buch der Rekorde wenden. Das nennt man kulturelle Nachhaltigkeit, die auch nur durch die Konstanz der Neustädter Zeitung möglich wurde. Immerhin lesen nach einer privaten Erhebung ca. Zweidrittel der Leser auch die Kolumne, das ist ein höherer Bekanntheitsgrad als …ach, wir brauchen keinen Vergleich. Und wir schreiben noch ein Bisschen weiter, wenn Sie mögen, solange noch jemand vorliest, kann die Welt nicht untergehen!


"Der Wind im Winterwalde"
946. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 4.12.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Rainer Maria Rilke taucht uns in den klassischen Advent, auch wenn der Schnee nicht mehr so häufig ist, innerlich schneit er einfach weiter:
„Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus: den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.“


Herbstende
945. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 27.11.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

„Lass den Herbst nicht dafür büßen, dass es Winter werden wird“, heißt es bei Erich Kästner.
Barbara Weißköppel weiß Rat:
„HERBSTENDE
DER BIRKEN BLATTGOLD
ERGLÄNZT IN HERBSTLICHEN
FLUREN.
GESTELLT SIND DIE SONNENUHREN
IHRE ZEIGER EILEN
ÜBER DAS ZIFFERBLATT
DER WELT.
DAS LICHT DER SONNE
WIRD MATT.


Wahrheiten zum Frieden am Volkstrauertag
944. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 20.11.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Hier noch ein kleiner wichtiger Nachtrag zum Volkstrauertag. Vor der Feierstunde in Bordenau gestalteten die Konfirmanden den Gottesdienst mit, indem sie der Gemeinde das Wort FRIEDEN vorhielten und zu den einzelnen Buchstaben eigene kleine, wohl einfache, aber sehr wesentliche Wahrheiten mit auf den Weg gaben:
F wie Freiheit: Ich möchte gern tun dürfen, was mir gefällt. Den anderen möchte ich dabei natürlich nicht behindern, denn dann ist der ja nicht mehr frei.
R wie Ruhe: Die geht nur, wenn ich keine Angst haben muss. Sonst habe ich immer nur die Bedrohung im Sinn.
I wie Integration: Alle gehören dazu. Wenn jemand ausgegrenzt wird, entsteht ein Konflikt. Das ist die Vorstufe zum Krieg.
E wie Einheit: Gemeinsam können Menschen vieles schaffen. Sogar mit Kerzen und Gebeten!
D wie Danken: Das fördert einen positiven Blick auf das, was gut ist und was möglichst so bleiben sollte.
E wie Einigung: Das ist mehr als Waffenstillstand!
N wie Neuanfang: Wir leben ja nicht im Himmel. Es wird immer Konflikte geben. Wie gut tut es doch, danach zu versuchen, es – beim nächsten Streit – gemeinsam besser hinzubekommen.


"Abel steh auf..."
943. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 14.11.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Am morgigen Sonntag begehen wir im Neustädter Land den Volkstrauertag. Hierzu der Anfang eines besinnlichen Gedichtes von Hilde Domin, das nach dem Anfang allen Streits unter den Menschen fragt: "Abel steh auf /Es muß neu gespielt werden /Täglich muß es neu gespielt werden /täglich muß die Antwort noch vor uns sein /die Antwort muß ja sein können /Wenn du nicht aufstehst Abel /wie soll die Antwort /diese einzig wichtige Antwort sich je verändern /wir können alle Kirchen schließen und alle Gesetzbücher abschaffen /in allen Sprachen der Erde /wenn du nur aufstehst /und es rückgängig machst /die erste falsche Antwort /auf die einzige Frage /auf die es ankommt /steh auf /damit Kain sagt /damit er es sagen kann /Ich bin dein Hüter /Bruder /wie sollte ich nicht dein Hüter sein /Täglich steh auf /damit wir es vor uns haben dies Ja ich bin hier /ich dein Bruder."


FAUST oder NATHAN DER WEISE?
942. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 31.10.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Nun steht er also wieder zur Debatte, der olle Goethe mit seinem FAUST. Wenn es nach einigen Kultusministerien ginge, würde man stattdessen lieber den facettenreichen NATHAN DER WEISE von Lessing vorziehen, übrigens das erste nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland gespielte Theaterstück! Ach so ja, kurz die Inhalte, zitiert nach Anna-Lena Scholz aus der ZEIT vom 10.10.2019: „Die Handlung ist so lala. Älterer promovierter Herr (Dr.Heinrich Faust), so gebildet wie gelangweilt (Midlife-Crisis), schließt einen großen Deal mit dem Teufel. Er tauscht sein Seelenheil gegen jugendliche Manneskraft. Schwängert junges Mädchen aus bildungsfernem Milieu (MeToo), das am Ende stirbt. Der Doktor schlägt sich fortan voller Schuldgefühle mit Hexen und Göttern herum (Faust II)….Lessings Aufklärungsdrama NATHAN DER WEISE (1779)… besticht dagegen durch Aktualität. Hier treffen ein Jude, ein Christ, ein Muslim aufeinander. Die Handlung ist verwickelt, denn nach und nach stellt sich heraus, dass alle irgendwie miteinander verwandt sind oder einander adoptiert haben. Eine Patchwork-Geschichte mit Happy End, die jeder nationalstaatlichen und religiösen Vorherrschaft den Boden entzieht: „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang“. Eine Regieanweisung, wie man sie für die globale Weltgemeinschaft des 21.Jahrhunderts herbeisehnt.“ Um den „Lehrplan des Abendlandes“, so der Titel von Josef Dolch (1953) wurde schon immer heftig gerungen. So erinnert sich die Bordenauerin Marita H. an eine Podiumsdiskussion 1968 mit dem Titel: „Ist Faust noch zeitgemäß?“. Marita H.: „Ich war die einzige Befürworterin. Wir waren in der Klasse alle begeistert von den vielen umfassenden und existentiellen Fragen: Liebe, Glaube, Wissenschaft, Gesellschaft. Und das traf auch unseren rebellischen und gleichsam sehnsuchtsvollen Nerv: da steh ich nun, ich armer Tor oder Verweile doch Augenblick, du bist so schon oder zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. So haben wir unserer tollen Deutschlehrerin vorgeschlagen, auch noch Faust II zu lesen, was dann doch etwas anstrengend war.“ Daraus wird ja nun nichts mehr, und Max Moor freute sich in seinem Fernsehkommentar darüber, dass ein Teil der Weltliteratur aus den Schulen verbannt wird, weil es dann auch keine schülerhafte Auflehnung mehr gegen verordnete Schullektüre geben kann. Ach übrigens: es gibt ein europäisches Kulturdorf, das schon sowohl Faust (2000) und Lessings NATHAN (2005), hieraus besonders die Ringparabel, vorgetragen hat: Bordenau!


"Die Angst des Tormanns beim Elfmeter"
941. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 16.10.19

Liebe Leserin! Lieber Leser! Liebe Sportsfreunde!

Warum fallen nur so viele Tore im Fußball beim Elfmeterschießen? Peter Handke, frischgekürter Literaturnobelpreisträger, wusste darauf schon im Jahre 1970 mit seinem Roman "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" schon eine Antwort: „Ein Elfmeter wurde gegeben. Alle Zuschauer liefen hinter das Tor. „Der Tormann überlegt, in welche Ecke der andere schießen wird“, sagte Bloch. „Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze damit, dass der Tormann sich das überlegt. Also überlegt sich der Tormann weiter, dass der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will? Und so weiter, und so weiter.“ Bis das Tor dann doch fällt.


„Es war kein Zuhören, es war ein Miterleben!“
940. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 10.10.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Lesen ist schön, Vorlesen ist schöner und am schönsten ist es, wenn man vorgelesen bekommt, zum Beispiel abends im Bett, und man kann so schön einschlafen; denn solange noch jemand liest, ist die Welt nicht untergegangen. Unsere lesendes Dorf hat jetzt auch vorgelesen: Kempowski, ECHOLOT. Hier einige Publikumsreaktionen: „Gratulation zu dem sehr gelungenen ersten Teil Ihrer Lesung aus dem Echolot von Walter Kempowski. Die Art der Präsentation war berührend. Der Rahmen im Gemeindehaus war ja beinahe familiär. Schön, dass so viele Besucher an der Veranstaltung teilgenommen haben. Es handelt sich ja um ein sehr ernstes Thema. Einige Texte ziehen einem förmlich die Schuhe aus.“ „Es war kein Zuhören, es war ein Miterleben!“ „Ich danke Euch und allen, die mit Euch diese Tage erarbeitet haben, für die „Vielstimmige Lesung mit Musik“, die Begegnung mit dem Dorf, das liest, mit den Lesenden - mit Euch! Ich bewahre diese Herz-Seele-Geist-Stärkung“. „Großartig – ein Geschenk“. „Ich möchte Ihnen nochmals meine Anerkennung für das Projekt Abgesang aussprechen, das mich sowohl vom Inhalt wie auch von der gestalterischen Ausführung beeindruckt hat. Da haben sie doch Beachtenswertes auf die Beine gestellt!“ Sehen Sie, lesen Sie, so schön kann´s sein. Doch nur Mut und Kopf hoch: Vorlesen kann man bei vielen Gelegenheiten. Weil ein Münchener Friseur selbst nicht zum Lesen kam, lässt er sich jetzt von seinen Kunden vorlesen, besonders von jungen Lesern, und ein Ravensburger Kinderbuchverlag unterstützt die Aktion. Da ist doch noch mehr möglich: Vorlesen ginge auch im Wartezimmer, im Bus, beim Zahnarzt. Oder gleich im Reisebüro Reisegeschichten oder in der Sauna undsoweiter. Und demnächst wieder klassisch in Bordenau. Einfach hinsetzen und miterleben.


Zeitzeugen
939. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 25.9.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Dieser Tage bietet ein namhaftes Warenhaus – das mit den tollen Ideen – eine museumreife Ausstellung für Zuhause an: „Authentische Zeugen der Zeitgeschichte: Aus dem Wrack der TITANIC wurde das Kohlestück geborgen. Mit SPACE SHUTTLE im Orbit war einst das Materialteil der Discovery-Raumfähre.“ Ein Setzstein vom Pariser Eiffelturm ist dabei und ein Steinchen aus dem legendären Liverpooler Club der Beatles, eine Requisite von James Bond sowie ein Fragment vom Kupfermantel der Freiheitstatue. Echtheitszertifikate und ein Buch über die spannenden Geschichten hinter den Exponaten werden mitgeliefert. Das Ganze zum stolzen Preis von über eintausend Euro. Wenn Sie´s preiswerter und lebendiger haben wollen, dann kommen Sie Anfang Oktober nach Bordenau ins Dorfgemeinschaftshaus. Hier hören Sie die Stimmen von MENSCHLICHEN ZEITZEUGEN, von Jugendschaftsführern, US-Kriegsberichterstatter, Geschäftsleuten, Soldaten, Zwangsarbeitern, Matrosen, Schriftstellern, Ärzten, Jugendlichen, Rotarmisten und vielen anderen mehr aus Walter Kempowskis „Echolot – Abgesang ´45, ein kollektives Tagebuch“.


Echolot. Abgesang ´45
938. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 4.9.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

„Es ist totenstill und finster, nur die Bäume rauschen manchmal im Wind. Vorübergehend kann man die Vorstellung verlieren, dass ringsum eine Katastrophe ihren Lauf nimmt, wie man sie allenfalls aus Geschichtsbüchern gekannt hat. Ich bin nicht im geringsten mit all dem fertig, was passiert. Ich kann es in Wirklichkeit überhaupt nicht fassen. Es ist aus mit Deutschland, das ich so sehr geliebt habe. Denn das ist nicht nur ein Krieg, der verlorengeht. Das ist viel umfassender und endgültiger, ein Verlust von aller vorstellbaren Zukunft. Ich weiß nur eins, dass ich überleben will. Ich bin neunzehn Jahre alt. Eigentlich müsste alles erst anfangen“ Diesen Text schreibt der junge Dieter Wellershoff. Er ist einer von Hunderten von Texten aus dem Buch „Echolot. Abgesang ´45. Ein kollektives Tagebuch von Walter Kempowski. „Dieses Buch ersetzt eine ganze Bibliothek zum Thema Kriegsende“, schreibt Frank Schirrmacher. „Bordenau liest“ wird eine von Kempowskis Frau autorisierte Kürzung dieser ergreifenden Briefe, Tagebücher und Autobiografien vom 3. bis 6.Oktober, jeweils ab 15 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Bordenau vortragen. Begleitet von Musik und Trommeln versuchen die Lesenden den Zeitzeugen eine Stimme zu geben, ihre eigene Betroffenheit auszudrücken und es für die Zuhörer interessant „rüberzubringen“. Ein Teil der Stimmen wird als Radiobeiträge eingespielt, die Bühne wird zum Studio und das Dorfgemeinschaftshaus sieht aus wie ein Volksempfänger. Und eine Stimme kommt dabei aus Frankreich und liest Charles deGaulle. Als regionalgeschichtliche Vorbereitung auf die Lesung wird der Historiker Dr. Werner Besier eine Rede halten zu den letzten Kriegswochen in Bordenau und Neustadt am Samstag, dem 28.9.2019 ab 16 Uhr im evangelischen Gemeindehaus. Am Dienstag, dem 1.Oktober, ab 19.00 Uhr zeigt das Cinema Neustadt den Fernsehfilm von "Tadellöser & Wolff", daran erinnern sich noch viele. Zum Abschluss der Kempowski-Tage zeigen wir am Sonntagnachmittag die Rede von Richard v. Weizsäcker vom 8.Mai 1985, sozusagen als gelungene und versöhnende Kommentierung der historischen Ereignisse und Probleme und Chancen. Jetzt kann keiner mehr sagen, er hätte von nichts gewusst. Weitere Informationen auf www.Bordenau.de.


Sommerpausenpoesie
937. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 29.8.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Paul Cornelius hat aus seiner Sommerpausenpoesie wieder ein kleines Kunststück mitgebracht; ein bisschen erinnert das an Ringelnatz. Doch lesen Sie selbst: „Augenblicke“. „Auf ihrem Weg zum Lebensglücke/trafen sich zwei Augenblicke./ Der eine wollt´ nach innen sehn,/der andere bloß mal giecken gehen. /Nu steh´n se beede uf der Brücke/und wissen nich vor und nich zurücke.“


Beziehungskiste
936. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 22.8.19

Liebe Leserin!

Ja, Sie haben richtig gelesen:  Liebe Leserin! Denn diese Einladung gilt einmal nur Frauen. Frauen lesen, was sie geschrieben haben, und zwar vor und für Frauen: „Amelia – Augenblicke des Lebens“ und „zeitumstellung“ werden Ina Paulus-Mehlberg, Entspannungspädagogin und Yoga-Lehrerin aus Berlin, und Gesa Elsner, Neustadt, am Samstag, den 31.08.2019 um 17:00 Uhr in der Kanzlei Machulla, Theodor-Heuss-Straße 27, lesen. In der Pause wird es die Möglichkeit zum (Ideen-)Austausch bei Kaffee und Kuchen geben. Der Eintritt ist frei. Es wird um Spenden für die Frauenberatungsstelle Neustadt gebeten. Anmeldungen bitte bis zum 27.08.2019 unter 05032 – 94020. Und ein erstes Gedicht von Gesa Elsner gibt es hier auch schon aus dem Zyklus „beziehungskiste“:
„begriffsbildung geschieht
in den ersten sekunden
der ersten begegnung
mache ich mir
einen begriff
was hast du mir voraus
den anfang aller anfänge
zu wissen
ich habe dich
und habe dich
bereits verloren
ewige wunde
und heilung bist du
worte
werfe ich dir nach“


Liebesbrief an eine Mücke
935. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 8.8.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Die VHS Hannover-Land lockt mit Reisen ins Grüne…Endlich Sommer, endlich Zeit zum Draußen sein, um im Garten zu sitzen oder eine Reise zu machen. Für all diejenigen, die nicht verreisen können, bietet die VHS eine wundervolle Alternative. Am Montag. 12.08.2019, 19:00-21:15 Uhr knüpft sie „Grüne Bande“ in einem Garten der geheimen Freundschaft. In ihrem Buch über Gartenfreundschaften nehmen Ariane Kaths und Christiane Büch – zwei langjährige Gartenfreundinnen – Sie mit auf eine Reise zu Gärten und ihren Menschen, in Gärtnereien, auf Pflanzenmärkte und Seminare. Was verbindet Menschen beim Besuch von fremden Gärten? Und welche Rolle spielen eigentlich die Pflanzen selbst? Die Autorin Ariane Kaths und Ingrid Kober lesen in einem Privatgarten in Mandelsloh aus dem für den Gartenbuchpreis nominierten Buch „Grüne Bande“. Es erzählt von gärtnerischen Leidenschaften, von Dornröschen am Süllberg, von Rittersporn-Liebe, von Gruschtelgärten und Klackermatsche. Der genaue Ort in einem Privatgarten in Mandelsloh wird bei Anmeldung bekannt gegeben! Bringen Sie zwölf Euro mit, dann gibt´s auch was zu trinken. Anmeldungen erbeten per E-Mail: wetzel@vhs-hannover-land.de


Liebesbrief an eine Mücke
934. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 3.8.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Die Bordenauer Dichterin Christine Köpcke und ihre Freundin Elke Horaitis haben allerlei Gedanken gedichtet zu einem „Lebensreigen“. Dabei werden in Zeiten des Klimawandels und des Artenschwindens besonders heiter die Tiere berücksichtigt beziehungsweise verschont! Heinz Ehrhardt hätte seine poetische Freude daran. Lesen Sie selbst Elke’s Liebesbrief an eine Mücke:
„Pieks - und batsch? Nein!
He, Mücke, grad hab ich dich doch gehört,
nein, nein, du hast mich nicht gestört;
dein helles Summen in der Nacht
mir immer wieder Freude macht!!
Ich weiß, du brauchst für deine Brut
ein Tropfen süßes, leck’res Blut.
Nimm was du brauchst, ich gönn es dir,
du kleiner winziger Vampir!
Ich kratze gern, weil ich dich mag,
den lieben langen Sommertag!!“


„Auf und davon – eine phantastisch-literarische Urlaubsreise“
933. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 20.7.19

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Wunstorf-Luthe liegt ja Bordenau genau gegenüber. Und hier sollte man auf den zauberhaften Hof Stille am Samstag, dem 3. August, ab 17.00 Uhr hinreisen, wenn es da heißt. „Auf und davon – eine phantastisch-literarische Urlaubsreise“. Dabei reichen die Erzählungen von A wie Lorenz Auler, der wohl zu den bedeutendsten deutschen Reiseschriftstellern gehört, bis Z wie Miroslav Zikmund, dem tschechischen Ingenieur, der Mitte des letzten Jahrhunderts abenteuerliche Reisen in verschiedenen Kontinenten unternahm. Historisch spannt sich der Bogen noch weiter von Homer mit seinem Epos der „Odyssee“, den oft ähnlichen Abenteuern von „Sindbad dem Seefahrer“ über die Berichte des Handlungsreisenden Marco Polo bis zur Reise „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne – eben mit ganz unterschiedlichen Stilen: Phantasiegeschichten mit Symbolgehalt, Erfahrungen und Abenteuer wie bei Thor Heyerdahl, aber auch die Gestaltung als Roman von der kraftvollen Prosa eines Rudyard Kipling bis zum existenzialistisch oder praktischen geprägten Stils eines Ernest Hemingway oder Antoine de Saint-Exupery. Der „Baedecker“ liest sich dagegen scheinbar nur wie eine Gebrauchsanweisung der Welt. Bei diesem Angebot der VHS Hannover Land sind folgende Bücher im Visier: Mit Roger Willemsen bis an „die Enden der Welt“ reisen, nachschlagen im „Atlas eines ängstlichen Mannes“ von Christoph Ransmayr oder „Luftsprünge“ machen auf einer literarischen Reise durch Europa! Den Kurs, die Ziele, die Geschichten bestimmen die Teilnehmer selbst, der Bordenauer Reiseführer Martin Drebs wird sie Ihnen vorlesen, ob mit Seume „Zu Fuß nach Syracuse“ oder durch „Reisebilder von Gerstäcker bis Fontane“. Bringen Sie ihre Reiselust mit! Bei dieser ökologisch zertifizierten Phantasiereise sparen wir uns das Schweröl der Kreuzfahrtschiffe, um mit den Abenteuern des Geistes zu segeln. Es kann aber doch sein, dass ein von Ökostrom getriebenes Modellschiff hupend und tutend an uns vorbei fährt. Im Reisepreis ist etwas Reiseproviant all inklusive. Anmeldungen erbeten bei der Agentur wetzel@vhs-hannover-land.de. Die Teilnehmerobergrenze liegt bei 2.500. Die Teilnahme an den Werbeblöcken ist obligatorisch. Für eventuelle geistig-literarische Abstürze kann keine Haftung übernommen werden.


Martin Drebs, Initiator von "Unser Dorf liest" 

(mehr Infos zu Martin Drebs)

Tel. 05032-1426, FAX 05032-915202
E-Mail: Unser Dorf liest@Bordenau.de


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