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Unser Dorf liest

Arbeitskreis "Unser Dorf liest"

Die aktuelle Kolumne von Martin Drebs

(frühere Kolumnen finden Sie im  Archiv)

 

Klassisch, klassisch!
1031. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 19.1.2022

Liebe Lesende!

Friedrich Schillers Spruch: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ stammt aus dem Prolog zu seinem Historiendrama „Wallenstein“, gesprochen bei Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar im Oktober 1798. Wir zitieren Anfang und Ende:
„Der scherzenden, der ernsten Maske Spiel,
Dem ihr so oft ein willig Ohr und Auge
Geliehn, die weiche Seele hingegeben,
Vereinigt uns aufs neu in diesem Saal –
Und sieh! er hat sich neu verjüngt, ihn hat
Die Kunst zum heitern Tempel ausgeschmückt,
Und ein harmonisch hoher Geist spricht uns
Aus dieser edeln Säulenordnung an
Und regt den Sinn zu festlichen Gefühlen…
Darum verzeiht dem Dichter, wenn er euch
Nicht raschen Schritts mit einem Mal ans Ziel
Der Handlung reißt, den großen Gegenstand
In einer Reihe von Gemälden nur
Vor euren Augen abzurollen wagt.
Das heut’ge Spiel gewinne euer Ohr
Und euer Herz den ungewohnten Tönen;
In jenen Zeitraum führ‘ es euch zurück,
Auf jene fremde kriegerische Bühne,
Die unser Held mit seinen Taten bald
Erfüllen wird. Und wenn die Muse heut,
Des Tanzes freie Göttin und Gesangs,
Ihr altes deutsches Recht, des Reimes Spiel,
Bescheiden wieder fordert – tadelt’s nicht!
Ja danket ihr’s, dass sie das düstre Bild
Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst
Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft,
Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein
Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt;
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“


Was ist das eigentlich: ein Wort?
1030. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 12.1.2022

Liebe vorausschauende Lesende!

Wir blicken in diesen Tagen schon weit ins neue Jahr. Und das tun wir mit Worten. Was ist das eigentlich: ein Wort? Was ist Sprache? Wie drücken wir uns aus? Allein die Ansprache oben für diese Kolumne: „Liebe Lesende!“ verweist schon auf Probleme und Chancen von Sprache. Mit „Die Lesenden“ ist nämlich vermieden worden zusagen: „Lieber Leser! Liebe Leserin!“, was wohl zu sehr die beiden Geschlechter bezeichnet und zudem nicht alle einschließt. Diese Problematik ist in den letzten Jahren immer wieder aufgebracht worden und hat zum Teil zu sehr kuriosen, auch erheiternden Entwicklungen geführt. Das „mann“ das N-Wort nicht mehr sagen und schreiben darf und Negerküsse jetzt heißen: „Süßer Schaumstoff mit Schokoladenüberzug und Migrationshintergrund“ ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Ganze Kinderbücher sollten umgeschrieben werden und Kinderlieder selbst gerieten in den Sog der kritischen Analyse. Wir möchten mit vielen zwinkernden Augen diese Phänomene beleuchten, behandeln und belesen, anhand von Mark Twains Essay „Über die schreckliche deutsche Sprache“, den er schon Ende des 19. Jahrhunderts schrieb. Hier listet er eine Reihe ungeordneter und unsystematischer Aspekte auf. Kaum eine Eigenart des Deutschen ist vor seinem Spott sicher: so muss es sich wohl um ein bedauerliches Versehen des Erfinders der Sprache handeln, dass die Frau weiblich ist, das Weib aber nicht. Doch auch die Schönheit von Sprache soll ihren Raum bekommen: Goethe und Hölderlin – „Was aber bleibet, stiften die Dichter!“ - Ingeborg Bachmann und Hilde Domin grüßen jetzt schon von Ferne. Letztere floh übrigens mit ihrer Poesie vor den „Wörtern der Unmenschen“, und es gibt Menschen, die das Deutsche nie wieder in den Mund nehmen wollten. Mit dem Titel: „Versprecher sind versprochen“ möchten wir Ihnen am 3. Oktober 2022 wieder ein gelungenes – nicht nur - kabarettistisches Programm vortragen, denn wir lesen weiter, auch wenn wir „Draußen nur mit Kännchen“ eine Reihe von deutschen Lieblingswörter servieren. Oder neue ungewöhnliche Kindernamen. Und, und, und! Freuen Sie drauf und lassen sie uns gemeinsam lachen!


Ein neues Jahr hebt an
1029. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 6.1.2022

Liebe Lesende!

Nurmehr stille Innehalten;
Du spürst es kommen.
Ein neues Jahr hebt an.
Die Tage werden länger, heller
Und langsam lichtet sich dein Dunkel;
Ein kleiner Spalt lässt Sonnenstrahlen rein.
Die Vögel klingen so anders, frischer;
Verliebter schmecken jetzt die säuselnden Wünsche.
Und mit großen Schwingen
Weitet deine Seele sich
Zu nie gekannten Ufern.
Jedes Jahr aufs Neue
Stehen die Tore offen – mehr noch das Herz:
Wohlan denn, beginne und gesunde!


Nach dem Fest ist vor dem Umtausch!
1028. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 31.12.2021

Liebe Falschbeschenkte!

Frohes neues Jahr erstmal! Nu ist es im Grunde Anfang Januar erst der erste Sonntag nach Weihnachten sowie ja auch Advent diesmal schon im November begann. Dabei ist es so nicht nur den Arbeitgeberverbänden gelungen, Weihnachten wieder mal auf ein Wochenende zu legen und damit „preiswerte“ Arbeitszeit zu sparen, sondern auch die Verbraucherverbände haben ebenfalls daran gedreht – zum Schutz der Verbraucher versteht sich, um den Umtausch problematischer Geschenke zu erleichtern: Sie kann das neue Parfüm nicht riechen. Sein Hemd ist viel zu groß und viel zu grün, und das heiß ersehnte Buch liegt zweimal unterm Tannenbaum, die Puppe ist falsch gekauft und das Legopaket nicht das richtige. Nach dem Fest ist vor dem Umtausch! Bisher war es doch so: Wenn Heiligabend in der Mitte der Woche lag, waren die normalen Tage danach die Geschäfte auch geschlossen; und wenn dann die Bedingung war – Umtausch nur in drei Tagen möglich - lief schon gar nix mehr. In diesem Jahr sollte von langer Hand geplant alles einfach unkomplizierter ablaufen. Nur hat niemand mit der Pandemie und ihren Folgen gerechnet! Die neue Welle hat die Bestimmungen über die Festtage stark verschärft. Hat also Opa Erwin für Enkel Kevin einen petrolfarbenen Pulli vor dem Fest noch unter der „2G-Regel“ gekauft, so muss er sich jetzt für den Umtausch mit „3Gplus“ in der Woche „boostern“ und dazu noch testen lassen. Nach der Impfung erstmal ein Testzentrum gesucht, die gibt´s ja reichlich dieser Tage. Und wenn denn alle Papiere geschafft sind, ist schon wieder Wochenende und vielleicht schon wieder alles zu. Am besten wäre gewesen, man hätte sich zum Fest im Kaufhaus einschließen lassen, dann wäre es Anfang der Woche ganz leicht gewesen mit dem Umtausch. Übrigens wäre das auch mit über 10 Personen gutgegangen, da hätte man dann gleich Silvester feiern können, denn so war man praktisch durchgehend in Quarantäne. Und 2022 soll noch arbeitnehmerunfreundlicher werden. Also da sag ich nur: Spendet eure Fehleinkäufe fürs „Fairkaufhaus“ und nehmt euch die Geschenke vom letzten Mal nochmal vor! Und was macht man, wenn man das ganze Jahr umtauschen möchte?


Jahresrückblick 2021
1027. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 22.12.2021

Liebe Jahresrückblickende!

Diese Zeilen erreichen Sie zwischen den Jahren. Und es ist eine Zeit des Nachdenkens: wie war das Jahr? Zuerst die traurige Nachricht: unsere langjährigen Wegbegleiter Horst Meister und Johannes Faber haben uns verlassen. Und wo sie sonst zu erleben waren, fehlt der Wirklichkeit ein Stück. Horst Meister wirkte mit uns seit dem Bordenauer FAUST im Jahre 2000. Er selbst meinte, er spiele kleine und kleinste Rollen. Und steigerte sich mit den Jahren in immer größere Rollen: Unvergessen als Nathan in Lessings Ringparabel, aber auch als Hund beim "Zimmerspringbrunnen". König Lear bei unserer Shakespearewahl, dann der Tangotanz bei der "Landesbühne" von Siegfried Lenz sowie der Erzähler bei Günter Grass „Im Krebsgang“. Und er spielte nicht nur, sondern schrieb auch selbst verrückte Geschichten (siehe diese Kolumne vom 10. Juli 2021). Der Musiker und Gitarrist Johannes Faber mit dem Faber-Hagemann-Quartett bleibt unvergessen, soviel tolle Musik in unseren Lesungen, die unsere dramaturgischen Absichten musikalisch- künstlerisch mitgestalteten. Die Familie schrieb: „Seine liebevolle Art und sein herzliches Lächeln werden für uns immer in Erinnerung bleiben“. Für uns auch! Dann haben wir uns am 3. Oktober 2021 am Kunst- und Handwerkermarkt mit einer eigenen Bühne beteiligt, flankiert vom Leierkasten, der die Menschen auf uns aufmerksam machte; so konnten wir Literatur an die Menschen herantragen. Im „Leineradio“ las Johanna Korte ihre Lebensgeschichte „Fragmente der Erinnerung“, jetzt läuft dort Heinrich Heines „Ich rede von der Cholera“ gelesen von Martin Drebs. Den Volkstrauertag gestalteten wir mit anderen Gruppen aus Bordenau. Zum Weihnachtsmarkt planten wir eine „Weihnachtsgedichtewunschmaschine“, die dann aber etwas Unerwünschtem – der Absage durch Corona - zum Opfer fiel. Beim regionsweiten Dorfwettbewerb moderierten wir mit. Die Leselernhelfer „Mentor“ haben im April den Preis der Stiftung Bordenau bekommen. Und wir feierten die 1000. Kolumne von „Bordenau - Unser Dorf liest“, auch mit unserer tollen Heimatseite! Alles in allem also ein bewegtes Jahr. Wir lesen weiter! Und allen Lesenden ein gutes Jahr! Und im nächsten Jahr blicken wir dann nach vorn auf neue Pläne.


Poetische Utopien
1026. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 17.12.2021

Liebe geflügelte Jahresendsehnsüchtler!

Seit 25 Jahren erscheint hier fast jede Woche diese kleine Kolumne, immer vorzüglich bei kleinen Fehlern betreut durch die gesamte Redaktion: mal ist ein Komma zu wenig, mal ein „H“ bei „Münchhhausen“ zu viel! Aufmerksamkeit, Genauigkeit und Fürsorge prägten die Jahre des Zusammenwirkens. Jetzt wusste ich, Martin Drebs, mal nicht, was ich zu Weihnachten schreiben könnte! Sollte es was Stimmungsvolles sein? Etwas Kritisches über die Zeit? Da bat ich Oliver Seitz um Hilfe und schickte ihm die ersten vier Zeilen einer Persiflage auf das Gedicht von Joseph von Eichendorff:
Markt und Straßen stehn verlassen, kaum erleuchtet jedes Haus, geboostert geh ich durch die Gassen, alles sieht so einsam aus.
Und Oliver dichtete weiter:
„Selbst beim Impfen keine Schlange,
niemand steht dort - oder sitzt,
würd‘ jemand warten, wär‘s für lange,
bis ein Booster ihm gespritzt.
Und ich wandre zu den Mauern
unserer Kirche, denn dort gilt,
noch 3G zum heil‘gen Schauern
so sagt’s zumindest dort ein Schild.
Der Single-Haushalt ist jetzt gut dran,
weil doch „einsam“ sicher ist.
Nur fühlt die Weihnacht sich nicht gut an,
wenn die Lieben man vermisst.
Neue Hoffnung für das Christfest,
gibt es dann im nächsten Jahr.
Mit vierter Impfung ohne Frei-Test
wird ein Weihnachtswunder wahr.“

So haben wir diesmal sogar etwas Gemeinsames gedichtet, eine poetische Kooperation, die ihresgleichen sucht. Mögen die geneigten Lesenden uns die Veränderung des ursprünglichen Textes nachsehen und unsere utopischen Absichten darin spüren. Dir, Oli, ein dickes Dankeschön und „Frohe Tage“ für alle!!


Der Gärtner an den Garten
1025. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 3.12.2021

Liebe Idylliker!

Können wir uns nach all den industriellen Entwicklungen noch romantische Idyllen leisten? Ja, zumindest dann, wenn die Jahreszeiten so tun, als gäbe es sie trotz Klimawandels noch. Und wenn im Norden Neustadts der Winter eingebrochen ist: Poetischer Altmeister Hölty weiß zu berichten, was „der Gärtner an den Garten im Winter“ zu sagen hat, wenn auch in alter Schreibweise!

„In Silberhüllen eingeschleyert
Steht jetzt der Baum,
Und strecket seine nackten Äste
Dem Himmel zu.
Wo jüngst das reife
Gold des Fruchtbaums
Geblinket, hängt
Jetzt Eiß herab, das keine Sonne
Zerschmelzen kan.
Entblättert steht die Rebenlaube,
Die mich in Nacht
Verschloß, wenn Phoebus flammenathmend
Herniedersah.
Das Blumenbeet, wo Florens Töchter
In Morgenroth
Gekleidet, Wohlgeruch verhauchten,
Versinkt in Schnee.
Nur du, mein kleiner Buchsbaum, pflanzest
Dein grünes Haupt
Dem Frost entgegen, und verhöhnest
Des Winters Macht.
Mit Goldschaum überzogen, funkelst
Du an der Brust
Des Mädchens, das die Dorfschalmeye
Zum Tanze ruft.
Ruh sanft mein Garten, bis der Frühling
Zur Erde sinkt,
Und Silberkränze auf die Wipfel
Der Bäume streut.
Dann gaukelt Zephyr in den Blüthen,
Und küßet sie,
Und weht mir mit den
Düften Freude In meine Brust.“


Weihnachtsmarkt mit Kulturprogramm
1024. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 26.11.2021

Liebe Weihnachtsmarktfreunde!

Mit unserem Weihnachtsmarkt in Bordenau wollen wir am Samstag, dem 27.11.2021, ein bisschen Freude und Hoffnung hochhalten, besonders mit dem kulturellen Beiprogramm: Der Posaunenchor Region Mitte eröffnet quasi den Weihnachtsmarkt gegen 14:15 Uhr, Musiker Thorsten Doll und seine Truppe sind dabei und natürlich „Bordenau - Unser Dorf liest.“ Der Gospelchor hat leider abgesagt, weil er drinnen nicht auftreten möchte, und draußen vielleicht das Schneetreiben den Klang dämpft? Das Programm wird im Schützenhaus im hinteren Raum stattfinden – die genauen Zeiten entnehmen Sie bitte den Plakaten; wir von Unser Dorf liest treten wahrscheinlich um 15:15 Uhr auf, unterbrechen jedoch auch gern unser Programm für den Weihnachtsmann. Was kann man sich Schöneres vorstellen, als dem Trubel des Weihnachtsmarktes für ein paar Momente durch stimmungsvolle Musik und gemütliche Geschichten zu entkommen. Bisher trafen wir uns dazu immer in der Kirche, jetzt geht es „schütziger“ zu. Doch unsere Lesungen wurden damals oft zwischen zwei Konzerten aufgerieben: Die einen gingen nach einem Konzert alle, wenn wir anfingen, und die anderen kamen für das nachfolgende Konzert nach und nach dazu, so dass sie die Geschichten und Gedichte nur zur Hälfte mitbekamen und der dramaturgische Faden abriss. Diesmal machen wir das anders: Aus den Erfahrungen der letzten Jahre haben wir uns jetzt mit den Musikern zusammengetan, um Musik und Literatur zu kombinieren. Thorsten Doll sagt dazu: „Wir haben ein paar fröhliche angejazzte Popstücke und natürlich viel Weihnachtliches im Programm.“ Und wir gucken, wer da ist und werden dann unsere heiteren und besinnlichen Gedichte genau auf diese Zuhörer – ob groß, ob klein - zuschneiden. Und wer will, kann sich auch was wünschen oder selbst was vortragen! Also eine Art „Weihnachtsgedichtewunschmaschine“! Und gemeinsam musizieren und lesen wir das Weihnachtsgedicht von Joseph von Eichendorff: “Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus...“ Ein Höhepunkt! Auch zu unserer Veranstaltung hintendurch kommt man nur bei Beachtung der allgemeinen Coronaregeln. Herzliche Einladung!


Beginn der 5. Jahreszeit
1023. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 18.11.2021

Liebe Narren und Narrha-lesen!

Zwischen Herbst und Winter schiebt sich traditionellerweise die 5.Jahreszeit: Karneval oder Fastnacht, das dauert dann bis ins Frühjahr. Manche mögen das nicht, dass man sich irgendwie verrückt verkleiden soll, sich beim Rosenmontagsumzug am Straßenrand von LKWs aus mit Bonbons beschmeißen lassen muss, dann sich sinnlos die Kante gibt und mit wildfremden Menschen rumknutscht: „Mundus inversus“ oder „Verkehrte Welt“, wie der Lateiner meint. Doch manche Maske entreißt der Dichter Heinrich Harry Heine, der aus Düsseldorf stammt, dem etwas gekürzten „Schelm von Bergen“:

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
Wird Mummenschanz gehalten;
Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,
Sie lache laut auf beständig;
Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
Daraus gar freudig blicket
Ein Auge, wie ein blanker
Dolch, Halb aus der Scheide gezücket….

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -«
Die Herzogin lacht: »Ich fürchte mich nicht,
Ich will dein Antlitz schauen.«…

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,
Das Weib nicht zähmen kunnt er;
Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt
Die Maske vom Antlitz herunter.

»Das ist der Scharfrichter von Bergen!« so schreit
Entsetzt die Menge im Saale
Und weichet scheusam - die Herzogin
Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
Der Gattin auf der Stelle.
Er zog sein blankes Schwert und sprach:
»Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich
Jetzt ehrlich und ritterzünftig,
Und weil du ein Schelm, so nenne dich
Herr Schelm von Bergen künftig.«

So ward der Henker ein Edelmann
Und Ahnherr der Schelme von Bergen.
Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein.
Jetzt schläft es in steinernen Särgen.


Hilfe in der November-Depression
1022. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 11.11.2021

Liebe November-Fühlige!

Manch einer klagt in diesen Wochen über gedrückte Stimmungen. Im Rahmen unseres poesietherapeutischen Service bringen wir hier einige heitere, aber auch nachdenkliche Sprüche zur wohlgemeinten Aufmunterung. Der geneigte Leser mag sich einen Spruch aussuchen, laut und intensiv vorlesen und dann auf die Wirkung achten. Vincent van Gogh sagt dazu: „Statt mich in Verzweiflung gehen zu lassen, habe ich mich für die tätige Melancholie entschieden, insofern Tätigkeit in meiner Macht stand, oder, mit anderen Worten, ich habe die Melancholie, die hofft und strebt und sucht, einer Melancholie vorgezogen, die trübsinnig und tatenlos verzweifelt. Von Markus Weidmann stammt der Hinweis: „Melancholie: das Parfum des Schicksals, der Nebel der Trauer, die Erotik der Depression.“ Und Klaus Ender meint: „Melancholie ist ein Tropfen Wermut aus dem Krug der Depression.“ Victor Hugo weiß: „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein.“ Wir erinnern noch an: “Melancholie ist der Versuch, die individuelle Begrenztheit mit der Unendlichkeit des Weltalls zu balancieren.“ Und: Weine nicht, wenn die Sonne so früh untergeht, dann siehst du vor lauter Tränen die Sterne nicht. Also Augen auf und weiterlesen!


Gemeinwohlökonomie
1021. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 29.10.2021

Liebe Leser und geldorientierte Karrieristen!

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles. Ach, wir Armen!“ haben wir hier in Bordenau aus Goethes FAUST gelesen. Kennen Sie die kuriose Geschichte von dem Hunderteuroschein, wo nur Geld die Wirtschaft in Schwung bringt?  Ein Mann will in einem Hotel einchecken, legt den „Hunni“ auf den Tresen und will sich die Zimmer angucken. Der Hotelier rennt mit dem Geld zur Reinigung, die ihm jetzt die Bettbezüge reinigen, zu den Bettenbeziehern, zur Küche, alle werden nun tätig. Und am Schluss erreicht der Hunderter wieder den Hotelier, weil einer noch Schulden bei ihm hatte. Und der gibt dieses Papier dem potenziellen Mieter zurück, weil der gar nicht mehr einchecken will. Nicht ganz schlüssig, aber erstaunlich! Denn es ist ein kleiner Wirtschaftskreislauf in Gang gekommen. Das ist ja nur eine Funktion des Geldes, doch läuft es insgesamt auf das sogenannte, geldbasierte Bruttosozialprodukt hinaus. Es ginge auch anders: die Hotelfachkräfte setzen sich zusammen und besprechen die optimalen Arbeitsabläufe, teilen ihre Manpower entsprechend ein, machen Werbung und bestimmen bei möglichen Überschüssen über deren Verteilung mit. Dabei werden Betriebe, die nachhaltig, auch umweltgerecht und menschenfreundlich wirtschaften, staatlich begünstigt. Und es geht noch besser: wenn sich eine ganze Gesellschaft gemeinsam, offen und demokratisch überlegt, wie die Steuergelder verteilt werden können für Bildung, Gesundheit, Wohnen, Umwelt und die Alten. Um diese Möglichkeiten der so genannten „Gemeinwohlökonomie“ geht es in einem ganztägigen Seminar der VHS Hannover Land am Samstag, dem 13. November 2021. (Die NZ berichtete) Und etwas Geld kostet es auch:10 Euro plus Spende; Also einfach mal ein bisschen Phantasie in eine gestaltbare Zukunft entwickeln und so den Koalitionsverhandlungen auf die Sprünge helfen! Wie sang schon Udo Jürgens: „Es gibt Sehnsucht, Träume, nachts das Rauschen der Bäume. Es gibt Treue, Freunde, jemand, der zu dir hält: Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld.“ Sollte sich der olle Goethe diesmal doch geirrt haben?


„Hälfte des Lebens“
1020. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 22.10.2021

Liebe Leser und Freunde von Gedichten!

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“: Ermutigung von Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843); er war ein deutscher Dichter, der zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Zeit und der deutschen Sprache überhaupt zählt. Beispiel gefällig?

„Hälfte des Lebens“
„Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.“


„Fragmente der Erinnerung“
1019. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.10.2021

Liebe Freunde der Lebenserinnerungen!

Sie liest weiter, die tapfere Johanna Korte, und zwar aus ihrer Lebensgeschichte „Fragmente der Erinnerung“. Dabei beschreibt sie ihren beeindruckenden Lebensweg aus den Masuren durch den Krieg nach Hannover und Neustadt-Bordenau in teils heiteren, teils anrührenden Geschichten. Am Montag, den 18.10.21 , in der Dorfwerkstatt im Birkenweg 3a ab 15.30 Uhr ist es wieder soweit! Diesmal wird es familiär spannend: Renate, ein Kind von Tante Elise wird dabei sein, die seinerzeit unter dramatischen Umständen auf dem Bahnhof zurückgelassen wurde. Und das war passiert: Im Juni 1944 war Tante Elise mit ihren drei kleinen Kindern, Wolf vier, Sigrid drei und Renate zwei Jahre alt zu Besuch in den Masuren. Als sich die Schreckensmeldungen des Krieges häuften, entschloss sie sich, die ländliche Idylle zu verlassen und zurück nach Hannover zu reisen, wo sie mit ihrer Familie schon lebte. Elise war hochschwanger! Der Großvater brachte die Familie mit dem Pferdefuhrwerk nach Lyck zum Bahnhof. Als sie auf dem Bahnsteig den Zug erwarteten, setzten plötzlich die Wehen ein. In aller Eile wurde Elise ins Krankenhaus gebracht und gebar ihr viertes Kind, ihren Sohn Dieter. In der Aufregung wurden die drei kleinen Geschwister einfach „vergessen“ und mutterseelenallein auf dem Bahnsteig zurückgelassen. Zufällig waren eine Verwandte und ein weiterer Dorfbewohner aus Skomanten, Johannas Heimatdorf, auf dem Bahnhof. Die sahen die Kinder und nahmen sie in ihre Obhut. In Skomanten wurden die „Findelkinder“ den Großeltern übergeben. Wenige Tage später konnte Elise mit ihren nun vier kleinen Kindern die Fahrt nach Hannover antreten, begleitet von ihren Schwestern Emma und Erna. Sie wollten Elise mit ihren vier Kindern nicht allein reisen lassen. Die Fahrt endete zunächst in Delitzsch bei Leipzig, weil Hannover wegen der Bombenangriffe nicht erreichbar war. Erst einige Monate später konnten sie nach Hannover weiterreisen. Ihre Wohnung war aber zerbombt. Für wenige Tage wurden sie in der Notunterkunft im Bunker Am Welfenplatz untergebracht. Im „Leineradio“ liest Johanna Korte am Sonntag um 19 Uhr aus ihrem Buch und live eben am Montag in Bordenau. Neben Cousine Renate werden noch einige andere Familienmitglieder dabei sein! Es sind noch ein paar Plätze frei; es wird um Voranmeldung unter 05032-4434 gebeten. Der Eintritt ist frei.


Lesung am Tag der deutschen Einheit
1018. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 2.10.2021

Liebe Einheitsfreunde!

Morgen ist doch „Tag der deutschen Einheit“? Gibt´s den überhaupt noch? Nach der letzten Wahl ist ja vieles „deutschlich“ noch geteilt. Macht an diesem Feiertag „Bordenau - Unser Dorf liest“ nicht immer eine besondere Lesung mit feierlichen und bedeutsamen Texten und Liedern? Also im DGH singt abends der Shantychor Lohnde. Und tagsüber? Da ist der Kunst und Handwerkermarkt auf dem Schulhof. Ach so! Und da hat „Bordenau liest“ selbst einen Stand, einen Theaterkarren, da machen wir volles Programm: Gedichte und Balladen und Lieder mitten im Trubel des Marktes. Und für die Kinder gibt es die sieben Streiche von Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Und es gibt einen tollen Leierkasten, der eröffnet das Programm. Wer heraushört, was der Leierkasten – bereitgestellt von Rolf Göhring- spielt, bekommt einen Buchpreis aus der Bücherbude Bordenau. Und zu den Moritaten zeichnet Ralf Hempel lustige und treffende Zeichnungen, die kann man hinterher kaufen. Da sind unsere Mitleser ja richtig volkstümlich geworden und lachen und singen und tanzen dabei. Kann man denn an so einem Tag ausgelassen feiern, wo die Wahl so manche regionalen Unterschiede hat deutlich werden lassen? Wird denn die „Ampel-“ oder „Jamaika-Koalition! die Einheit vollenden, das entscheiden diesmal die jüngeren Kräfte. Und wie ist das Motto für den „Tag der deutschen Einheit“? Deutschland singt! Bordenau auch, zum Beispiel die Bordenau- Hymne von Andreas Hagemann - nach einem vom Leierkasten intonierten Europalied; dann ist die „Ballade von der deutschen Einheit“ geplant. Mitten im Trubel, mitten unter den Menschen und nah an ihnen dran. Also, geht doch! Es gibt zwölf bis fünfzehn Minuten Programm zur vollen Stunde; und die Standgebühren will man durch die Sammelbüchse wieder reinholen.


Demokratie funktioniert nur mit Wählern - und benötigt Wahlhelfer
1017. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 26.9.2021

Liebe Wählerinnen und Wähler!

Heute, so kurz vor der Bundestagswahl lauschen wir einem Gespräch zwischen Carla Walentin und Gisbert Kaufhof:
- Also, du kannst da morgen wählen.
- Was soll ich denn wählen?
- Du hast auf jeden Fall eine Wahl.
- Warum denn Wahl? Wozwischen wähle ich denn?
- Es gibt unterschiedliche Positionen zur Gestaltung der Welt.
- Ja, aber wenn ich wähle, geschieht das dann auch, was ich will?
- Nicht unbedingt, denn da sind ja viele andere, die auch wählen.
- Das ist aber blöd.
- Das ergibt sich aus der großen Zahl der Menschen, die alle in diesem Land mitmachen wollen, und da kann was anderes heraus kommen, als das, was du willst.
- Und wenn ich nicht wähle? - Das wäre schade. Du solltest froh sein, dass es sowas gibt. Die Wahl macht dich frei und stark. Und wenn alle respektieren, dass man wählen kann, also die Wahl hat, respektiert man sich doch wohl und versucht beim nächsten Mal, seine Positionen durchzubringen.
- Gibt es denn auch Wahlen, die dazu führen, dass die Wahlen abgeschafft werden?
- Eigentlich nicht! Das letzte Mal war 1933, und die war vielleicht gefälscht. Aber heutzutage wird richtig ausgezählt, dafür sorgen die guten Wahlhelfer und der sorgfältige Wahlvorstand, alles Verfassungspatrioten.
- Na, gut, dann geh ich da mal hin. Mal gucken, was da raus kommt.
- Das ist gut!


„Das Trauerspiel von Afghanistan“
1016. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 15.9.2021

Liebe Freunde des historisierenden Gedichts!

Wir bringen hier ja oft die Klassiker, Fontane zum Beispiel. Wunderbar seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ oder der Roman „Effi Briest“. Hier eines seiner Gedichte aus dem Jahre 1859:

„Das Trauerspiel von Afghanistan“ – in alter Schreibweise.
Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „„Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.““
Afghanistan! er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Commandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er athmet hoch auf und dankt und spricht:
„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Cabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.
„Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“
Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.
„Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,
Trompeter, blas’t in die Nacht hinaus!
Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.
Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.“


Kann eine Orgel digitalisiert werden?
1015. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 9.9.2021

Liebe Orgelfreunde!

Die Orgel der Bordenauer St. Thomaskirche soll demnächst restauriert werden. Wie fühlt sie sich vor diesem Eingriff? Hänschen Schlaumeier nennt die Orgel - wegen ihres berühmten Vaters Christian Bethmann - etwas respektlos nur einfach `Betti´. Das hört sie nicht so gerne. Aber Betti ist auch eine kleine Plaudertasche und geht trotzdem bereitwillig auf alle an sie gerichteten Fragen ein.
Hallo Betti!
Sag nicht immer `Betti´ zu mir!
Ja, Betti! Aber darf ich dich mal was fragen´?
Meinetwegen! Schieß´ los!
Wenn du jetzt total überholt wirst, könnte man da deine Klangerzeugung nicht gleich digitalisieren?
Quatsch! Ne richtige Orgel hat Pfeifen!
Aber wir leben doch heute im Zeitalter der Computer und Digitalisierung! Ich sah neulich bei einem namhaften Feinkostladen ein E-Piano für unter 90 €!
Jetzt halt aber mal die Luft an! Ich bin eine Orgel! Wir Orgeln zählen zum ideellen Weltkulturerbe, wir sind das Instrument des Jahres 2021!
Du meinst also: „Kunst hat´s schwer, doch Mist kommt immer an!“?
Nein das habe ich nicht gesagt! Jedes Instrument an seinen Ort, jedes für seinen Zweck!
Aber leben wir jetzt nicht alle im 21. Jahrhundert?
Ja, stimmt! Aber wir Menschen sind immer noch analog! Unsere Augen und Ohren werden auch in Zukunft analog bleiben. Ja, selbst unsere Enkel werden mit dem Mund essen und trinken und nicht an einer Ladesäule aufgeladen.
Du meinst also, wir sollten zum Auftanken lieber zu dir in die Kirche kommen?
Ich würde mich freuen, dich da wiederzutreffen! Vielleicht frage ich dich dann, was du hören möchtest! Aber tu´ mir bitte einen Gefallen: lass deine CDs bitte zuhause! Ich werde auch nach meiner Restaurierung kein Laufwerk haben!
Ach, übrigens Digitalisierung, liebe Leute, Ihr könnt zum Auftaktgottesdienst zum Projekt „Orgel retten - Wohlklang bewahren" am Sonntag um 10 Uhr in die St.Thomas-Kirche auch so kommen, ohne Euch groß elektronisch anzumelden; nur diese drei G-Regeln und das bisschen Abstand, das schafft ihr schon; und ich klinge besonders stark, damit alle mich hören können!


Wann wird es im Theater wieder hell?
1014. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 28.8.2021

Liebe Lesende!

Bald geht es vielleicht wieder los mit dem lebendigen Theatererlebnis, wie einige Male ja schon auf der Otternhagener Waldbühne. Dieser Tage stießen wir auf ein Zitat des Intendanten des Bochumer Schauspielhauses Johan Simons: „Wir haben zunächst gefilmt, kleine neue Stücke, geschrieben für unser Ensemble, inszeniert als Kurzfilme. Aber etwas fehlte. Erst wenn jemand zuschaut, wird es hell. Wenn jemand anders als wir selbst, die wir es machen, zuschaut. Erst dann ist es Theater. Wir haben gemerkt, dass das, was uns so selbstverständlich erschien, etwas Besonderes ist und unersetzlich: dass Menschen, die zuschauen, mit ihrem Blick verändern, was wir tun, es vervollständigen.“ Diese gegenseitige Resonanz kann uns keine „Mattscheibe“ ersetzen. Freuen wir uns auf unsere erwünschte Mitwirkung!


Gesa Elsner: "Lichtlinien"
1013. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 21.8.2021

Liebe Lesende!

Dieser Tage haben wir noch über die Buchkunstpresse von Peter Marggraf berichtet, heute können wir über eine weitere literarische Köstlichkeit unserer Neustadter Dichterin Gesa Elsner berichten: "Lichtlinien", frisch gedruckt in Berlin und von Stefan Cseh in Forchheim hochwertig handgebunden, vereint das Künstlerbuch "Lichtlinien" Linoldrucke des Dresdener Künstlers Steffen Büchner und Gedichte eben der Lyrikerin Gesa Elsner aus Neustadt. Die "Lichtlinien" wurden in der Corvinus Presse von Hendrik Liersch veröffentlicht, der in seiner Kunstdruckerei 2019 mit "Eva" bereits das erste gemeinsame Künstlerbuch konzipierte und herausgab. Lichtlinien und Licht hält Büchner in wunderbar präzisen und reduzierten Arbeiten für den Betrachter fest, auch wenn in ihnen menschliche Einsamkeiten - auch während der Corona-Pandemie -dokumentiert werden. Das Spiel von Hell und Dunkel bestimmt dann auch die Gedichte Gesa Elsners, sowie die Idee des Philosophen Jean Paul: "Sprachkürze gibt Denkweite." Im Künstlerbuch "Lichtlinien" finden sich insgesamt 11 signierte Linoldrucke und 8 Gedichte, gedruckt auf 230g Alt Lünen- Bütten aus der Hahnemühle von 1584. Es ist in einer Auflage von nur 22 Exemplaren erschienen. Lesen wir das Gedicht „sieben dornen“:
„was ich einst mit mir führte
apfelschnitze und birkenrinde
ein zicklein
meine muttersprache und süßen rauch
sieben dornen gegen sieben arten einsamkeit
heute kommt nicht einmal mehr
der wind mir nah
so hocke ich in wänden
was wärmt mich was heilt
nicht die art einsamkeit blieb
die ich wählte
mein atem ist eng
die welt ergießt sich in weite“


“Diesen Ball hat er nicht richtig gelesen”
1012. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 14.8.2021

Liebe Lesende!

Eine kleine olympische Nachlese: Georg Bernard Shaw sagt über dieses Sportereignis: „Olympische Spiele sind eine wundervolle Gelegenheit, Zwietracht auch unter solchen Nationen zu stiften, die sonst keine Reibungsflächen haben.“ Nun mit China hat Deutschland einige Kontroversen, doch sportlich war das packende Finale im Tischtennis wieder eine professionelle Angelegenheit. Nun kennt in China kennt jedes Schulkind Timo Boll; doch wenige Neustädter erinnern sich an die Kolumne vom 27.8.2008 an dieser Stelle: „Eine ganz kuriose Lesart ergab sich in der letzten Woche bei den Olympischen Spielen in der Disziplin Tischtennis. Sportkommentator Michael Creutz berichtet über das Finale zwischen Malin für China und Timo Boll für Deutschland im Mannschaftsfinale der Herren. Dabei sagte Creutz, Timo Boll könne aus kurzer Distanz die Aufschrift auf dem Tischtennisball lesen, auch wenn sich dieser mit hoher Geschwindigkeit bewege. Und daraus, wie sich die Schrift drehe, könne er eben den Spin des Balles ermitteln, um seine Antwort, nämlich den siegreichen Schlag, vorzubereiten. Und Sportkommentator Michael Creutz steigerte sich im Laufe seiner Reportage noch: “Diesen Ball hat er nicht richtig gelesen”. Jetzt also wissen wir, wie wir auch den Letzten noch ans Lesen bekommen: schreiben Sie Ihren Brief einfach auf einen Tischtennisball und spielen Sie mit ihrem Partner! Dass diese Art zu lesen allerdings nicht vor übriger Blindheit schützt, gab wohl Timo Bolls Ehefrau zur Kenntnis: “ Wenn am Boden dreckige Wäsche rumliegt, sieht er das nicht!” Merke: Nicht jeder, der die Aufschrift von Hochgeschwindigkeitsbällen lesen kann, eignet sich auch gut für die so wichtige Hausarbeit!“ Ich habe, bevor ich diese Kolumne schrieb, noch schnell die Küche gemacht, aber ich habe ja auch kein Silber gewonnen.


Zwei Ameisen
1011. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 7.8.2021

Liebe Leser-innen und außen!

Alles geht wieder auf Reisen oder plant sie zumindest, und Joachim Ringelnatz beobachtet dabei zwei Ameisen:
„In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Denn auf den letzten Teil der Reise.
So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.“


Peter Marggraf
1010. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 31.7.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

1996 gründete der Bildhauer Peter Marggraf die San Marco Handpresse. Er setzt Texte und Gedichte mit der Hand oder auf der Linotype in Blei und druckt diese dann auf einem Handtiegel. Er bindet die einzelnen Lagen mit der Hand zu Büchern und legt Originalgrafiken hinein. Peter Marggraf lebt seit 1974 in Bordenau und einige Zeit des Jahres in Venedig. Dort zeichnet und druckt er. Alle Bücher und Grafiken sind auf Büttenpapieren gedruckt, sie sind nummeriert und signiert und werden in einer kleinen Auflage hergestellt. So sind Bücher von Rilke, Trakl, Heine, Büchner, Kafka, oder von Celan und Bachmann entstanden.Diese Bücher werden von europäischen und amerikanischen Buchliebhabern gesammelt. Das Land Niedersachsen kauft von jedem Buch ein Exemplar an, die in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover aufbewahrt werden. Im Buch- und Schriftmuseum in Leipzig, im Dommuseum Hildesheim und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sind ebenfalls zahlreiche Arbeiten von Peter Marggraf vorrätig. Seit 2009 gibt es in der San Marco Handpresse die kleine weiße Buchreihe „I libri bianchi“. In dieser Reihe werden Texte oder Gedichte grafischen Arbeiten von Peter Marggraf gegenübergestellt. Eine kleine Reihe mit Reproduktionen als Bebilderung. Digital gedruckt in einer Auflage von 100 Exemplaren. Inzwischen ist der 46. Band erschienen. Jedes Buch, handgebunden, fadengeheftet mit Schutzumschlag, signiert und nummeriert, kostet 25 Euro. Der 44. Band dieser Reihe galt dem Dichter Hans Georg Bulla aus der Wedemark. Das Buch mit den Gedichten von Hans Georg Bulla und den Malereien von Peter Marggraf trägt den Titel „Ein letztes Blau in die Augen gerieben“. Hier eine Leseprobe:

„Erntefeld“
Hinter dem Mähdrescher
aufmerksam und aufrecht
gehen zwei Störche.
Sie sehen, was sie sehen
und manchmal fahren
ihre Schnäbel zu Boden.
Übers Feld zieht der Staub
der Ernte und der Qualm
aus dem Diesel.


Ulrike Draesner: "Schwitters"
1009. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 17.7.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Am Dienstag, dem 27. Juli 2021, kommt um 19 Uhr die mehrfach prämierte Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ulrike Draesner nach Neustadt in den Rosenkrug. Im Rahmen einer Veranstaltung des „Philosophischen Cafes“ wird Draesner einen Auszug aus ihrem Roman „Schwitters“ (erschienen 2020) vorstellen, der zeigt, wie Schwitters Elemente der Natur des Lake District in seinen letzten Merzbau überträgt, was der Roman wiederum in Sprache übersetzt. Und sie entführt uns mit ihrem  „Natur Schreiben“, zu Deutsch „Nature Wrigting“ an den Nordpol: „Ich bin ver/rückt, alles schaukelt schürft knarzt, ich gebe meine gesamten Ersparnisse aus, verzichte auf Komfort, Fisch statt Cappuccino, was hast du denn gedacht, Handy sinnlos, Bluetooth-Kopfhörer sinnlos, Empfang: null, zero, nada, Schluss. Man kann sich eine Emailverbindung kaufen, ich verzichte. Arktische Stille? Nicht so einfach wie gedacht. Alles hier hat eine andere Bedeutung. Kein Sonnenuntergang, kein Sonnenaufgang, nichts als dieses minimale Sonnenschwanken, diese Zitterbewegung am Lichthimmel, dieses irritierende Hängen, diese Endlosigkeit. Ein Lachen des Lichts. In Ny Ålesund werfe ich eine Karte in einen roten Kasten. Nördlichstes Postamt der Welt. Brandgänse stolzieren in den Wiesen zwischen Messapparaten. Hinter dem Ankermast, von dem die Polarforscher Amundsen und Nobile im Mai 1926 im Heißluftballon zum Nordpol starteten, endet die Welt – keineswegs. Hier ändert sie sich. Zeichenlos bleiben und nur „denken“ an jemanden oder etwas. Die Welt, das, was wir gemeinhin so nennen, wird ersetzt durch etwas, das anfangs wirkt wie ein Bild: Wind, Sonne, glitzerndes Eis. Ist das Wirklichkeit?“


Sommerwind
1008. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST vom 10.7.2021

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Horst Meister hat in den letzten Jahrzehnten oft beim lesenden Dorf mitgemacht. Er hat ebenso viele schöne Geschichten und Gedichte erfunden. Hier sein „Sommerwind“:
„Hei, Sommerwind!
Ich singe dir ein Lied.
Ich liebe es,
wenn du im Frühjahr
ins frische, grüne Blattwerk fährst
und die Kronen sich neigen.
Ich liebe es,
wenn du die Wolken treibst
und sie zu immer neuen
Bildern modulierst.
Ich liebe es,
wenn du in der Sommerhitze
die dünnen Kleider der Frauen
umwehst und sie an ihre
Körper drückst und das
Schöne an den Frauen
sichtbar machst.
Ich liebe es,
wenn du die erhitzten und
schweißnassen Gesichter mit
herrlicher Kühle streichelst
und sie dein Frische
atmen lässt.
Ich liebe es,
wenn du über die Getreidefelder
streifst und sie wie bewegtes
Wasser erscheinen.
Ich fürchte die Zeit,
wenn der feuchte West
und der kalte Nord
dich vertreiben.
Ich warte
auf dich und den
nächsten Sommer.“


Martin Drebs, Initiator von "Unser Dorf liest" 

(mehr Infos zu Martin Drebs)

Tel. 05032-1426, FAX 05032-915202
E-Mail: Unser Dorf liest@Bordenau.de


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