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Unser Dorf liest

Arbeitskreis 
"Unser Dorf liest"

Kolumnen - Archiv 1.1.2003 - 31.3.2003


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Letztes Kapitel
290. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 26.3.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Was ist der Mensch? Eine uralte, gute Frage, aber kaum zu beantworten. Je mehr wir von ihm wissen, desto rätselhafter wird er. Ist er gut? Ist er böse? Diesen Fragen gehen wir ja in unserer Hiob-Reihe am Mittwoch, dem 26.3.03 ab 19.30 Uhr wieder in  der Liebfrauenkirche nach, diesmal mit dem Werk von Joseph Roth. Die Jugendredaktion des Lokalradios Neustadt wird sich am Samstag, dem 29.3.03 ab 17.00 Uhr auf 106,5 MHz bei ihrer regionsweiten Sendung nicht mit diesen Fragen beschäftigen, dafür aber gute Musik, Kinotipps und Lokale Nachrichten für Jugendliche aufbereiten. Wir bleiben hier allerdings literarisch mit dem Gedicht „Das letzte Kapitel“ von Erich Kästner (Biographie, Erich-Kästner-Museums Dresden) von 1930 !! 

Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte,
völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.

 

Wo lesen wir ?
289. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 19.3.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Mit Kurt Tucholsky fragen wir uns: Wo lesen wir unsere Bücher? „Im Fahren. Denn in dieser Position, sitzend-bewegt, will der Mensch sich verzaubern lassen, besonders wenn er die Umgebung genau kennt wie der Fahrgast der Linie 57 morgens um halb neun. Da liest er die Zeitung. Wenn er aber zurückfährt, dann liest er ein Buch. Das hat er in der Mappe. (Enten werden mit Schwimmhäuten geboren – manche Völkerschaften mit Mappe.) Liest der Mensch in der Untergrundbahn? Ja. Was? Bücher. Kann er dort dicke und schwere Bücher lesen? Manche können es. Wie schwere Bücher? So schwer, wie sie tragen können. Es geht mitunter sehr philosophisch in den Bahnen zu. Im Autobus nicht so – der ist mehr für die leichte Lektüre eingerichtet. Manche Menschen lesen auch auf der Straße ...wie die Tiere. Die Bücher, die der Mensch nicht im Fahren liest, liest er im Bett. (Folgt eine längere Exkursion über Liebe und Bücher, Bücher und Frauen – im Bett, außerhalb des Bettes...gestrichen) Also im Bett. Sehr ungesund. Doch – sehr ungesund, weil der schiefe Winkel, in dem die Augen auf das Buch fallen... fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten, und Sie werden nicht davon lassen – sehr ungesund. Im Bett sollte man nur leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und beruhigende, ferner ganz schwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht. Dann lesen die Leute ihre Bücher nach dem Sonntagsessen – man kann in etwa zwei bis zweieinhalb Stunden bequem vierhundert Seiten verschlafen. Manche Leute lesen Bücher in einem Boot oder auf ihrem eigenen Bauch, auf einer grünen Wiese. Manche Menschen lesen, wenn sie Kinder sind, ihre Bücher unter der Schulbank. Manche Menschen lesen überhaupt keine Bücher, sondern kritisieren sie. Manche Menschen lesen ihre Bücher in ...also das muss nun einmal ernsthaft besprochen werden.“ Aber Hauptsache, Sie lesen weiter diese Kolumne in unserer Neustädter Zeitung !!

Krakl1913
288. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 12.3.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Während wir in der Liebfrauenkirche unsere Reihe zu „Hiob“ fortsetzen und am Mittwoch, dem 19.3. ab 19.00 Uhr im Gemeindehaus in Bordenau die Passionsgeschichte nach Markus gemeinsam vorlesen, ruft der Papst die Menschheit im Namen Abrahams zum Frieden auf. Abraham, hebräisch „Vater einer Menge oder Vater (Gott) ist erhaben“, kann als der Stammvater der drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam (genannt in der Reihenfolge ihrer Entstehung) gelten, sein Geburtsort lag im heutigen Irak. Durch einen neuerlichen Krieg – so der Papst – würden die Beziehungen zwischen den Dreien Schaden nehmen. Wir bringen hier ein Gedicht von Georg Trakl aus dem Jahre 1913, leider zum wiederholten, aber beeindruckend aktuellen Male: „ Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt, ein Trommelwirbel, dunkler Krieger, Stirnen, Schritte durch die Blutnebel; schwarzes Eisen schellt, Verzweifelung, Nacht in traurigen Gehirnen: Hier Evas Schatten, Jagd und rotes Geld. Gewölkt, das Licht durchbricht, das Abendmahl. Es wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen und jene sind versammelt zwölf an Zahl. Nachts schrein im Schlaf sie unter Ölbaumzweigen; Sankt Thomas taucht die Hand ins Wundenmal.“

Kirkegaard
287. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 5.3.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Mit dem Aschermittwoch beginnend widmen sich Stephan Koopmann, Pastor der Liebfrauenkirche, und Martin Drebs, Leiter des Projekts „Bordenau – Unser Dorf liest“ , an sieben Mittwochen dem Thema „Hiob“(-> Programm) . Jeweils um 19.30 Uhr werden am 5.3.2003 und am 12.3.2003 im Rahmen einer Passionsandacht Hiob-Texte aus der Bibel gelesen und nach einer Einführung in das Hiob-Thema am darauffolgenden Mittwoch  im Gemeindehaus auch Ausschnitte aus dem gleichnamigen Buch von Joseph Roth. Paradigmatisch für den gleichzeitigen  Dulder und Rebell Hiob, der die Frage nach der Herkunft allen Unglücks und Bösen  in der Welt aufwirft, ist dabei das Bekenntnis des dänischen Dichters und Philosophen Sören Kierkegaards: "Hiob, Hiob, o Hiob! Sprachst Du wirklich nichts anderes als diese schönen Worte: 'Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen – der Name des Herrn sei gelobt!' Sagtest du nicht mehr? Bliebst Du in all deiner Not dabei, sie nur zu wiederholen? Warum schwiegst du sieben Tage und Nächte, was ging da in deiner Seele vor? Als das ganze Dasein über dir zusammenstürzte und in Scherben um dich lag, hattest Du da sogleich die übermenschliche Fassung, der Liebe Deutung, des Vertrauens und Glaubens Freimut? Ist auch deine Tür für den Trauernden verschlossen, kann er bei dir keine andere Linderung erwarten, als die weltliche Weisheit kümmerlich anbietet, indem sie einen Paragraphen über des Lebens Vollkommenheit vorliest? Weißt du nicht mehr zu sagen,  als was die bestellten Tröster wortkarg dem Einzelnen zumessen, was die bestellten Tröster als steife Zeremonienmeister dem Einzelnen vorschreiben, dass es in der Stunde der Not schicklich ist zu sagen: 'Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen – der Name des Herrn sei gelobt!' Weder mehr noch weniger, so wie man Prost sagt zu dem, der niest. NEIN! Du, der du in deinen Glückszeiten das Schwert der Unterdrückten warst, der Stab des Greises, die Stütze des Niedergebeugten, du enttäuschst nicht die Menschen; als alles brach, da wurdest du der Mund der Leidenden, der Ruf des Zerbrochenen, der Schrei des Geängsteten  und eine Linderung für alle, die in Qualen verstummten, ein treuer Zeuge in aller Not und Zerrissenheit, die in einem Herzen wohnen kann, ein untrüglicher Sprecher, der wagte zu klagen 'in der Seele Bitterkeit'  und mit Gott zu rechten. Weshalb verbirgt man dies? (...) Weh dem, der hinterhältig den Trauernden betrügen will um den einstwilligen Trost, sich Luft zu machen und 'zu hadern mit Gott'."

Einladung an Günter Grass
286. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 26.2.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Wir schrieben: „Sehr geehrter Günter Grass, ein frohes neues Jahr für Sie, das  ist  klar. Ihre Zeit ist knapp und wertvoll. Deshalb in Kürze: Wir möchten Sie ganz herzlich einladen in unser lesendes Dorf Bordenau am Steinhuder Meer, und zwar zum 3. Oktober 2003. Da möchten wir gerne gemeinsam Ihr Buch „Im Krebsgang“ lesen! Nach Heines WINTERMÄRCHEN, Goethes FAUST I und II und Remarques IM WESTEN NICHTS NEUES wollen wir wieder das gesamte Buch in einer einzigartig inszenierten Bordenauer „Spiellesung“ präsentieren: Volkskunst im wahrsten Sinne des Wortes ! Sie können sich dabei zurücklehnen und genießen oder ein Stück mitlesen, den „eingeschriebenen“ Grass. Wir würden uns riesig freuen, wenn Sie unseren Besuch 2000 auf Mön zu Ihrer „Jahrhundertlesung“ auf diese Weise erwidern könnten. Unsere Lesungen finden immer auch am 3. Oktober statt – zuletzt mit der erlesenen Revue „Vielstimmigkeit der Deutschen“, um zu einer völkerverständigenden Stimmung beizutragen, und Ihren letzten Satz im „Krebsgang“: „Das hört nicht auf. Nie hört das auf“ ein bisschen zu verändern. Weitere Informationen finden Sie unter www.Bordenau.de /Unser Dorf liest  und da gibt es auch ein schönes Foto mit Ihnen.  Lieber Literaturnobelpreisträger, haben wir uns verständlich machen können, dass das, was wir hier machen, einmalig ist und durch Ihre Unterstützung natürlich gekrönt werden würde?“ Und sein Lübecker Sekretariat antwortete: „Vielen Dank für Ihr Fax. Herr Grass hat es gelesen und sich auch über Ihr Engagement gefreut. Leider kann er die Aktion nicht durch persönliche Beteiligung unterstützten. Es sind viele Verpflichtungen, ist  die Gesundheit und auch sein Alter, an mehr ist einfach nicht zu denken. Sollten Sie aber an eine Möglichkeit denken, die in Ihren Ablauf passen würde, ohne dass Herr Grass nach Bordenau kommen muss, will ich gern versuchen, einzurichten, was sich bei uns machen lässt.“ Nach seiner Lesung aus „Des Knaben Wunderhorn“ zusammen mit seiner Tochter Helene haben wir mit ihm direkt gesprochen. Er reagierte sehr positiv auf unser lesendes Dorf und brachte es mit den Erkenntnissen der PISA-Studie in Verbindung. Er selbst müsse sich aber jetzt in der Kunst des Nein-Sagens  üben und er wolle eben auch selbst an weiteren Büchern schreiben. Vielleicht kommt er doch noch!

Breitenstein
285. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 19.2.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Welch ein reizender Bordenauer Spätnachmittag am vorigen Sonntag in der Bauernküche der Eheleute Korte. Zu den Klängen Gisela Breitensteins E-Piano-Spiel hatten vier Bordenauer Schriftstellerinnen und ein Dichter sich im lesenden Dorf ein Herz gefasst, um eigene Geschichten und Gedichte vorzutragen. Da brillierte Johanna Korte (65) mit eigenen kleinen Gedichten durch den Jahreslauf, die 83jährige Annaliese Gelff mit charmanten Miniaturen zum goldenen Schmetterling und zu ihrem Kurschatten mit den schönen Augen, der sich dann als Hund herausstellte, Ingrid Fischer-Fumbruch (78) , ganz weltläufige Granddame berichtete heiter über ihre Zeit in Afrika, und nachdem Manfred Korte mit Lehrer Grelles Worten über eine wieder ganz aktuelle Hochwasserkatastrophe von 1946 erzählt hatte, konnte Karin Meyer (62) unerhörte Geschichten aus ihrer Bordenauer Jugend vortragen. Die Entdeckung des Abends aber ist Peter Breitenstein (61), der sich als heiterer bis bissiger Satiriker in die Herzen des Publikums spielte. Lesen Sie selbst sein herrliches Gedicht zum Mitmachen „Wer ist denn der?“: An einem See und Nachmittag, da stand ein Mann mit einem Sack. Er schaut nach rechts und links sich um, dann noch einmal und andersrum, dass ihn und seinen bösen Plan, kein anderer verpfeifen kann, und weder schändliches Gescheh’n verhindert hätt‘, noch zugeseh‘n. Er stand noch eine Weile stumm, dann machte er die Finger krumm und stopfte flugs und listenreich, in seinen Sack den ganzen Teich! Klaut alle Fische, Schilf und Wasser, - im Beutel wird es immer nasser - sogar der tiefste Tümpelboden wird eingesackt und aufgehoben! Dann steckte er zum Überraschen noch je zwei Frösche in die Taschen; Zu guter Letzt das Ufer noch und übrig blieb - ein leeres Loch!
Er hob den Sack auf seinen Rücken, die Last war schwer, er mußt‘ sich bücken.
Im tiefen Wald ist er verschwunden, kein Mensch hat wieder ihn gefunden! Los, fragt mich jetzt: „Wer ist denn der?“ Ich sag‘ es Euch: Ein Seeräuber! Und hätt’ es doch einer geschafft, dann säß’ er jetzt in „Märchenhaft!“

Bauernküche
284. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 12.2.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Johanna und Manfred Korte laden am Sonntag , dem 16. Februar 2003, um 17.00 Uhr in die Hans-Zühlke-Straße 3 in Neustadt-Bordenau. Dann werden beim winterlichen „Büchergarten in der Bauernküche“ fünf Autoren aus Bordenau aus bisher unveröffentlichten Manuskripten lesen, so Ingrid Fischer-Kumbruch, Annaliese Gelff, Johanna Korte, Karin Meyer und Peter Breitenstein sowie Manfred Korte aus dem Tagebuch des Lehrer Grelle. Das alles musikalisch begleitet von Gisela Breitenstein. Wir bringen hier zwischen Winter und Frühling das köstliche Landschafts-, Natur- und Jahreszeiten-Gedicht von Ingrid Fischer-Kumbruch, einer Ururnichte von Gerhard von Scharnhorst, die auch aus ihrer Zeit in Afrika berichten wird: „Ich sehe, ach, erkenne kaum, die Blätter klar vom nächsten Baum. Die Heimatlandschaft der Natur - nur sie allein genieß’ ich nur. Grad’ jetzt im Sommer ist’s so schön , grün’ Blatt und Blumen anzuseh’n. Doch, vor ein paar Tagen, nein, oh Graus: Da schlug der Blitz – doch nicht in’s Haus! Er suchte sich hier ganz ringsum ein Hochgewächs mit irrem BUMM! Ich nehme an, dass sein Interesse galt nur der Wassersumpfzypresse. Zum Glück blieb alles heil und munter, das Wasser rauscht vom Dach herunter. Nun brauch’ ich wenigstens nicht gießen und kann den Abend ruhig genießen!“ Und diese außergewöhnliche Lesung mit Bordenauer Autoren, Schriftstellerinnen und Dichtern können auch Sie genießen. Die Bauernküche ist geheizt!

Bibel lesen 1
283. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 5.2.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Wir lesen weiter, und zwar diesmal aus dem Buch der Bücher, der Bibel. Seit Jahrtausenden begleitet dieses Buch, dessen Entstehung selbst lange gedauert hat, mit seinen Geschichten die Menschheit und zwei große Weltreligionen. Es spiegelt auf vielfältige Weise Lebens- und Glaubenserfahrungen aus verschiedenen Epochen wider. Unbestritten ist die unvergleichliche Wirkung der Texte, die wie jede Literatur auf des Menschen Fähigkeit zum Denken und Phantasieren beruht. Und jedes Kind sollte die Geschichten von der Entstehung der Welt kennen. Der Bibelarbeitskreis der St-Thomas-Gemeinde Bordenau und das lesende Dorf sowie weitere interessierte Bürger wirken hier zusammen, um die Besonderheit der biblischen Texte wieder bekannter zu machen, und zwar am Mittwoch, dem 12. Februar 2003, ab 19.00 Uhr im Gemeindehaus der evangelischen Kirche. Wir wollen gerade im Jahr der Bibel aus der „Genesis“, eben über das christliche Verständnis der Entstehung der Welt, gemeinsam die eindrucksvollen Texte aus der Lutherbibel lesen. Die Übersetzung Martin Luthers der bis dahin lateinischen Bibel ins Deutsche schuf erst einen gemeinsamen Sprach- und Literaturraum. Und wir beginnen mit dem für uns Wortgewaltige paradigmatischsten Text , nämlich dem Beginn des Johannes-Evangeliums, wo da heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Vor den Schöpfungsberichten wird Jonathan Kost aus Frielingen mit dem Digeridoo, dem Musikinstrument der australischen Ureinwohner, einen Urklang intonieren, aus dem sich „die Finsternis das Licht gebar“ und uns immer weiter in die lichten Schöpfungsklänge begleiten. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei wie für die kommenden Lesungen, die sich mit „Hiob“, mit Lieblingstexten der Dorfbewohner und der Utopie des göttlichen Reiches beschäftigen werden. Diesmal lesen wir „Bibel pur“, es wird auch Lesungen mit anderen biblischen Themen und deren Variationen in der Literatur geben!

Brinck Lesen
282. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 29.1.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Zuhören macht Kinder schlau! Wir bringen hier Christine Brincks Plädoyer fürs Vorlesen: „ In DDR-Klassenzimmern hing einst der Spruch „Lernen, Lernen, nochmals Lernen.“ Er wurde Lenin zugeschrieben. Vielleicht sollte nach Pisa die Ergänzung „Lesen, Lesen, nochmals Lesen“ die Wände sämtlicher deutschen Klassen zieren. Lesen ist ein Grundhandwerkszeug, das als „Türöffner“ (Jürgen Baumert) für alle weitere Bildung gilt. An dieser Basiskompetenz aber mangelt es bei so vielen getesteten 15jährigen. Und die Unfähigkeit, sinnvoll zu lesen, unter der fast jeder vierte Jugendliche leidet, ist keine Krankheit, die sich bald heilen lässt. Wer mit 15 Jahren nur mit Mühe den Sinn des Gelesenen erfasst, liest mit 25 meist gar nicht mehr und wandert ab ins funktionale Analphabetentum, wo sich schon ein paar Millionen Mitbürger tummeln. Die Debatte nach Pisa hat zunächst vor allem deutsche Hysterie gezeitigt und dann mengenmäßig Absichtserklärungen. Mittlerweile sind sämtliche Kassen leer, Büchereien werden geschlossen, Deutschkurse gekippt. Die Hoffnung auf Besserung der Lesefähigkeit durch innovative Programme für die Kleinsten, für die Benachteiligten  deutscher wie fremdländischer Herkunft schwindet täglich. Dabei kann man Lesen und die Lust am Lesen so leicht anschieben, auch ohne teure Sonderprogramme und Sonderlehrer – schlicht durchs Vorlesen. Vorlesen kann man schon halbjährigen Kindern. Man braucht nur ein passendes Buch, und man sollte selber lesen können. Früher wurde bei Kindern vorgelesen: von Müttern beim Zubettgehen, von Großmüttern im Lehnsessel, von Kindergärtnerinnen. Und heute? Vorlesen ist der Zeitarmut und der aufgelösten Familie ebenso zum Opfer gefallen wie pädagogisch angeblich wertvolleren Beschäftigungen. „Wenn wir unsere Eltern bewegen könnten, ihren Vorschulkindern täglich nur 15 Minuten vorzulesen, könnten wir unsere Schulen revolutionieren....“

Arbeitskreis 2003
281. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 22.1.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Hier wollen wir Sie heute ganz herzlich zum Arbeitskreistreffen unseres lesenden Dorfes am Mittwoch, dem 12. Februar 2003, ab 17.00 Uhr ins Gemeindehaus der evangelischen Kirche einladen  sowie zur  anschließenden Lesung um 19.00 Uhr im Jahr der Bibel aus der „Genesis“ . Liebe Freunde und Bekannte des lesenden Dorfes, lange haben Sie und habt Ihr auf einen guten Gruß warten müssen. Hier ist er! Wir wollten erst abwarten, ob wir auch ohne Krieg weiterlesen, spielen, schreiben, eben zusammenwirken könnten. Jetzt erhebt der große, alte Mann, dessen Buch „Im Krebsgang“ wir am  3. Oktober 2003 in Bordenau lesen wollen, seine warnende Stimme gegen den Krieg. Im Arbeitskreis werden wir beraten, ob und wie wir das Buch lesen können. Wir haben Günter Grass jedenfalls zum 3. Oktober eingeladen und bemühen uns z.Zt. um die Rechte an der Lesung. Für das Jahr 2004 planen wir die Lesung von Shakespeares „HAMLET“, dessen Realisierung wir auch bei unserem Treffen starten werden müssen, sollten – wegen des entsprechenden Vorlaufs. Als Textgrundlage nutzen wir die Reclamausgabe UB 31. Wer also bei Grass nicht mitmachen kann, könnte bei Hamlet „unterkommen“; dabei kann ein Teil des Hofstaats mit weiblichen Lesern besetzt werden. Shakespeare ist unser! Und die Engländer haben nur eine deutsche Übersetzung! Mit „Hamlet“ haben wir ein sehr starkes politisches Stück, das gut zum „Tag der deutschen Einheit“ passt. Deutschland selbst ist manchmal mit Hamlet, dem Zauderer, verglichen worden, wenn es darum ging, etwas durchzusetzen. In ebenso engagierten Sinne veranstalten wir im „Jahr der Bibel“ zusammen mit der Bordenauer St.Thomas-Gemeinde vier Bibellesungen. Die erste eben anschließend an diese Arbeitskreissitzung mit Texten aus der GENESIS. Dafür suchen wir noch Mitleser, die sich am Mi., dem 5. Februar, 20.00 Uhr ebenfalls im Gemeindehaus treffen werden. Bitte melden! Und kommen Sie bitte!

Ringelnatzschnee
280. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 15.1.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Schnee, Schnee, Schnee! Auch ein Gedicht von Joachim Ringelnatz: „Zwischen den Bahngeleisen vertränt sich morgenroter Schnee. Artisten müssen reisen ins Gebirge und an die See. Nach Leipzig – und immer wieder fort, fort. Nicht aus Vergnügen und nicht zum Sport. Manchmal tut´s weh. Der ich zu Hause bei meiner Frau so gern noch wochenlang bliebe; mir schreibt eine schöne Dame: „Komm zu uns nach Oberammergau. Bei uns ist Christus und Liebe, und unser Schnee leuchtet himmelblau.“ – Aber Plakate und Zeitungsreklame befehlen mich leider nicht dort-, sondern anderswohin. Fort, fort. Der Schnee ist schwarz und traurig in der Stadt. Wer da keine Unterkunft hat, den bedaure ich. Der Schnee ist weiß, wo nicht Menschen sind. Der Schnee ist weiß für jedes Kind. Und im Frühling, wenn die Schneeglöckchen blühn, wird der Schnee wieder grün. Beschnuppert im grauen Schnee ein Wauwau das Gelbe, reißt eine strenge Leine ihn fort. – Mit mir in Oberhimmelblau wär´s ungefähr dasselbe.“

Deichgrafenpoesie
279. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 8.1.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Seit dem Wochenende laufen sie wieder Streife auf den Deichen, um zu kontrollieren und zu wachen: die Mitarbeiter der Feuerwehren der Stadt und der Dörfer. Aufmerksam, genau und gründlich, zuverlässig, Schwachstellen suchend und behebend. Stille Helden, um Gefahren abzuwehren, Maßnahmen einzuleiten, Anwohner zu warnen. Ein Dankeswort ihnen allen einmal von hier aus! Von den Deichen hebt sich ihr Blick über die weiten Flächen verschwiegen gurgelnd fließenden Wassers aus fernen verschneiten Bergen, hier und dort ragen Bäume und Zäune aus dem steten Nass, verweisen auf darunter liegende Felder und Wiesen. Und wenn spät sich die Dämmerung über die Wasser legt und der Schnee an den Ufern zu leuchten beginnt, das gesammelte Licht des Tages abstrahlend,  dann erfasst uns ein tiefes, schauerndes Erstaunen über die Gewalten der Natur, die sich hier im breiten, weitausladenden, fast unüberschaubaren Bette daherrollend Respekt verschaffen. Und wieder ein Bild der Zeit: der Fluss, der sich immer gleicht, immer anders ist und „in ihn steigst du kein zweites Mal“. Dazu treibende Bäume, Geäst und  Strandgut; heraus ihr Sammler, Küstenbewohner und Piraten ! Ab und zu ein Zeichen der Dosenpfandverweigerer. Im nordwestlichen Bordenau, oben am See, gehen gehobene Eisflächen knackend in den überbordenden Fluss über, aus dem Moorgebiet ergießt sich seit Tagen ein breites Rinnsal über den Weg und macht ihn unpassierbar. „Gefrorene Windstriche an jedem Zweig, das Papierklirren der Rauhreifbäume. Wie sfumato gemalt, mit aufgelöster Kontur. Die Korbweide ein chinesischer Papierstreifenbaum. Die Nebel rotieren über dem feuchten Schnee. Der Mast der Überlandleitung steht unversehens und einsam ragend – weil das grabtuchweiße Land keinen Hintergrund gewährt. Nachts durchdringt kein Licht und kein Laut den weißen Umschlag meines Hauses. Wie in den Kristallwäldern aus Tausendundeiner Nacht kleben die gefrorenen Nebelschwarten an den Eichenzweigen. Welche Last für meinen lieben Baum! Der Nebel greift dich heraus, er stellt dich vor eine lichtgraue Wand. Dies Licht birgt kein Geheimnis, es ist ein Abschluß.“ (Botho Strauß)

Neues Jahr 2003
278. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 4.1.2003

Hochverehrte Leserschaft!

Alles hat seine Zeit! Und wieder ein neues Jahr! Freude kommt auf, Schaffensdrang, die Tage werden wieder länger hell! Doch was ist das: die Zeit? Ewiger Fluss des Geschehens? Gliedert uns die Zeit die Ewigkeit in kleine Augenblicke  oder macht sie uns die Endlosigkeit allererst bewusst? In welcher Spannung stehen „Sein und Zeit“, dass wir unser persönliches Glück suchen können und finden müssen, ohne  an die Weitläufigkeit der Zeitalter denken zu brauchen? Welche unserer Kriege werden zukünftige Schüler in 1000 Jahren auswendig lernen müssen? „Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?“ (Brecht). Ist der „Weg zum ewigen Frieden“(Kant) durch den Charakter der Menschheit verbaut? Und ist der Streit in unseren Familien ein Muster für die große Politik? Kann denn nicht wenigstens die Kultur uns ermutigen und mahnen und Perspektiven weisen? Sie kann!  So warnt Grass vor der Gefährdung des Weltfriedens! Und hier wollen wir das Jahr mit Goethe und einem Ausschnitt aus seinem „Faust“ beginnen lassen. Im ersten Teil lässt er einen Bürger sagen: „ Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten, dann kehrt man abends froh nach Haus und segnet Fried- und Friedenszeiten.“ So Goethe Ende des 18. Jahrhunderts , nicht etwa der prophetische Nostradamus. Schalten wir wenigstens das Fernsehen ab, wenn die Kameras auf den Bomben auf ihre Ziele zurasen. Wir sind für alles mitverantwortlich (Dostojewski)! Wir werden in Bordenau weiterlesen, das genaue Programm wird im Arbeitskreis demnächst besprochen. Im Februar werden wir zusammen mit der Kirche aus der  Bibel Teile der Genesis lesen. Im Oktober lesen wir vielleicht Günter Grass „Im Krebsgang“. Denn solange noch jemand liest, wird die Welt nicht untergegangen sein. So hat alles seine Zeit, lassen Sie sie uns gemeinsam erlesen, gegenwärtig und verantwortlich sein! Schaffensfreude kommt auf und die Tage werden heller!

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