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Unser Dorf liest

Arbeitskreis 
"Unser Dorf liest"

Kolumnen - Archiv 1.10.2002 - 31.12.2002


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Neuewelt
277. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 28.12.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit, mehr Wissen, aber weniger Urteilsvermögen, mehr Experten aber größere Probleme. Wir rauchen und trinken zu viel, lachen zu wenig, fahren zu schnell, regen uns unnötig auf, sehen zu lange fern, stehen zu müde auf, lesen zu wenig, denken zu selten vor, halten keine Zwiesprache mehr. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Welt reduziert. Wir wissen, wie man den Lebensunterhalt verdient, aber kaum mehr wie man lebt. Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber können wir den Jahren auch Leben geben? Wir kommen zum Mond, aber kaum mehr zu der Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns gefüllt. Wir können Atome spalten, aber kaum unsere Vorurteile. Es ist die Zeit, in der es wichtiger ist, etwas darzustellen als zu sein. – Jetzt ist wieder eine Zeit, in der wir darüber nachdenken sollten. Und diese Besinnlichkeit wünscht das lesende Dorf Ihnen und Ihren Freunden, Familien und Nachbarn. Auf ein gutes neues und vor allem friedvolles, weil auf gegenseitigen Verträgen basierendes Jahr ! 

Adventure
276. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 18.12.2002

Hochverehrte Leserschaft!

„Hat  ´adventure´ etwas mit ´Advent´ zu tun?“ fragt mich, Melanie Kirschstein,  meine Nichte beim Abhören englischer Vokabeln. Ich weiß es nicht, aber die Frage geht mir nach. Abenteuer Advent – warum eigentlich nicht? In ein Abenteuer gehe ich voller Erwartung. Mein Herz ist offen. Ich bin gespannt und aufgeregt, bereit, Neues zu wagen. Ich werfe mich hinein in meine Sehnsucht nach Lebendigkeit. Ich will spüren, was möglich ist. Eine ganz andere Erfahrung machen. Der Alltagstrott, Pflichten und Zwänge bleiben hinter mir. Ich trete heraus aus alten Gewohnheiten und öffne mich für etwas Verheißungsvolles. Dazu gehört auch das Risiko, sich verändern  und verwandeln zu lassen. Manchmal kann man nicht mehr einfach so zurück in die alte Haut. Dann lässt sich der lebendige Geist nicht wieder in die Flasche sperren. Auch im Advent warten wir auf neues Leben. Die Geburt Jesu, die Weihnachtsgeschichte erzählt uns allen davon, dass die Sehnsucht erfüllt werden kann. Es ist möglich, dass Wünsche Wirklichkeit werden mittendrin in den Brüchen dieser Welt. Der Himmel kann die Erde berühren. Es kann geschehen, dass das Leben neu geboren wird und wir es spüren und davon verwandelt werden.

Wütend über Verwüstung
275. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 11.12.2002

Hochverehrte Leserschaft!

„ Das Weihnachtsfest kehrt wieder, ein liebes Fest, ein Fest der Liebe und euch das liebste, ein Fest erfüllt von Licht und Duft und Traum der Kindheit. Man mag es das deutschste aller Feste nennen, und wohl kein Volk begeht es mit solcher Innigkeit.“ (Thomas Mann) Dabei wird in diesen Tagen wieder viel über die Schattenseiten unserer Gesellschaft geredet; das notwendig weihnachtliche Licht, das wir bitterer denn je nötig haben, wirft lange Schatten auch auf die kulturellen und sozialpolitischen Initiativen unserer Stadt, denen  allenthalben das Geld ausgeht. Unserem reichen Land droht ein Kulturverlust durch die immer weiter um sich greifenden Sparmaßnahmen, die ja nun schon seit vielen Jahren praktiziert werden! Niemand wird den vielen engagierten Politikern deren kulturpolitisches Verantwortungsbewusstsein absprechen, aber sie müssen sich doch fragen lassen, was sie da eigentlich machen. Wo sind die Gelder?  Wer den Theater- und Konzertkreis bedroht, legt die Axt an unser aller Gesellschaftlichkeit: wir sitzen nur mehr zu Hause vor der Glotze, die den Kreis der Familie zu einem Halbkreis erweitert hat. Wir kennen unseren Nächsten nur noch als den grell ausgeleuchteten Nachbarn in einer gemeinsamen Talkshow. Kulturverlust ist auch, wenn eine Anfrage bei der Stadtjugendpflege um Unterstützung bei der Jugendarbeit in Ermangelung geeigneter Kräfte zurückgewiesen wird. Kulturverlust ist auch, wenn der Kinderschutzbund seine Arbeit nicht fortsetzen kann, weil die Mittel fehlen. Wann geht es der Musikschule an den Kragen? Wir sind zornig nach all den Jahren, das unsere gesellschaftliche Kultur so gefährdet ist. Wir sind wütend über die Verwüstung unserer Gemeinschaft. Wir wollen nicht nur im Kreise unserer Lieben Weihnachten vor dem Fernsehen feiern, sondern weiterhin ins Theater gehen, unsere Kinder zur Schulaufgabenhilfe schicken können, Freitags ins Kulturforum  und vieles mehr. Für jeden Meter neuer Straßen ein Euro für die Kultur und die Kinder! Das schreiben wir auf unseren Wunschzettel!

Weinwerbesprache
274. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 4.12.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Wir kredenzen am Sonntag, dem 8.Dezember 2002 den Videofilm der erlesenen Revue „Vielstimmigkeit der Deutschen“ von Anfang Oktober, ab 18.00 Uhr im dekorierten Dorfgemeinschaftshaus Bordenau zusammen mit der süffisanten Weinprobe des Kaiserstühler Bio-Winzers Reinhold Pix und den sechs hervorragend-ohrenden Musikern der Revue: Carola Faber, Pia Hagemann, Frauke Hohberger, Johannes Faber, Andreas Hagemann und Andreas Wittich mit musikalischen Leckerbissen. Lassen Sie uns feiern und genießen und wundern, welch köstliche Literatur auch bei der Beschreibung von Weinen entstehen kann:  „ ..duftet nach Honig und Akazienblüten, reichhaltige Fruchtsüße, würziges Finale,...klare Struktur, seidiges Mundgefühl, mineralisch und langanhaltend, ...Muskatduft, saftig und kernig, im großen Holzfass gereift...großer Wein – der Stolz des Hauses, ..leicht oxidativ, südländischer Charme..“ Der gereifte Bioland-Winzer Reinhold Pix, der den nahrhaften Familienbetrieb mit seiner bezaubernden Frau Helga seit 1984 im lieblichen Ihringen, am südlichst drapierten Zipfel vom Kaiserstuhl, bewirtschaftet , ist selbst ein großer Poet und wird schmackhafte Weine passend  zu kulturellen Schnittchen aus unserer Revue moderieren. Durch niedrige Erträge und teils sehr alte Rebstöcke reifen in seinen Kellern hochwertige fruchtige und gehaltvolle Weine. Die mächtigen Lößböden bringen frische Silvaner hervor und heißes Vulkangestein lässt feurige Burgunder gedeihen, Die Rotweine lagern mindestens ein Jahr in Barriquefässern. Duch, ähm, seehrr jeringe, hups, Schwefeldreingaben garantieren ssssie ein , auhauh, kopfwehfreies Danach. Bleibt nurmehr die Frage: trinkt der Deutsche eher das germanische Met oder hat Quintilius Varus nach seiner Niederlage im Teutoburger Land durch die Verbreitung des römischen Weines am Schluss doch noch einen berauschenden Sieg zu feiern?

Konfirmanden und Kaschnitz
273. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 27.11.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Am Weihnachtsmarkt in Bordenau am Sonntag, dem 1. Dezember 2002, beteiligt sich unsere lesende Initiative ab 17.00 Uhr in der St.Thomas-Kirche mit  der Geschichte von Marie Luise Kaschnitz „Alle Jahre wieder“: Drei Jungens sind von den immer „unweihnachtlicheren“ Festen der Eltern enttäuscht, bei denen viel gegessen, aber wenig gesungen wird, bei denen Karten gespielt und gestritten, aber kein schöner Weihnachtsbaum mehr aufgestellt wird. Sie hauen ab vor die Stadt, begleitet von einem schwachsinnigen Kind, das sie erst hänseln, dann aber zu beschützen beginnen. Damit – und mit einer Murmel mit dem Lamm Gottes - geraten sie in ein Spiel, in dem sie die Weihnachtsgeschichte buchstäblich erfahren, erst durch die Tiere, dann die Heiligen Drei Könige und schließlich die gute Botschaft selbst. „Ich muss wohl damals geahnt haben „ so schreibt Kaschnitz,“ was ich seit gestern weiß, dass die Kinder an jenem Abend ihr Weihnachten selbst gefunden hatten – das richtige, mit dem es nie zu Ende sein kann, weil Freude und Liebe immer neu geboren werden, solange es Menschen gibt.“ Diese weihnachtliche Jugenderzählung schildert treffend die Grenzerfahrungen von Heranwachsenden, die noch Kinder sind und schon Jugendliche sein wollen, ohne die Freude an Weihnachten missen zu müssen. Und so nimmt es denn auch nicht Wunder, dass die Konfirmanden Nikola, Vanessa, Alexander und Nick diese Geschichte mitlesen – begleitet von den erwachsenen Kindern Annegret, Jutta und Martin.

Hamlets Geist
272. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 20.11.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Noch klingen die heiteren Geschichten vom vorletzten Sonntag nach, die u.a. mit Friedrich Mauthes Peter-Rühmkorf-Rezitation ihren Höhepunkt erreichten. Aus Gründen des literarischen Jugendschutzes zitieren wir hier nicht Rühmkorf, sondern Erich Kästners „Hamlets Geist“, den Wilfried Crüßmann als Gast vortrug: „Gustav Renner war bestimmt die beste Kraft im Toggenburger Stadttheater. Alle kannten seine weiße Weste. Alle kannten ihn als Heldenvater. Alle lobten ihn, sogar die Kenner. Und die Damen fanden ihn sogar noch schlank. Schade war nur, dass sich Gustav Renner, wenn er Geld besaß, enorm betrank. Eines Abends, als man „Hamlet“ gab, spielte er den Geist von Hamlets Vater. Ach, er kam betrunken aus dem Grab! Und was man nur Dummes tun kann, tat er. Hamlet war aufs äußerste bestürzt. Denn der Geist fiel gänzlich aus der Rolle. Und die Szene wurde abgekürzt. Renner fragte, was man von ihm wolle. Man versuchte hinter den Kulissen ihn von seinem Rausche zu befrein, legte ihn langhin und gab ihm Kissen. Und dabei schlief Gustav Renner ein. Die Kollegen spielten nun exakt, weil er schlief und sie nicht länger störte. Doch er kam! Und zwar im nächsten Akt, wo er absolut nicht hingehörte! Seiner Gattin trat er auf den Fuß. Seinem Sohn zerbrach er das Florett. Und er tanzte mit Ophelia Blues. Und den König schmiss er ins Parkett. Alle zitterten und rissen aus. Doch dem Publikum war das egal. So etwas von donnerndem Applaus gab`s in Toggenburg zum ersten Mal. Und die meisten Toggenburger fanden: Endlich hätten sie das Stück verstanden.“ Soweit Kästner. Ach übrigens: Unser lesendes Dorf plant Shakespeares „Hamlet“ als Spiellesung des Gesamten Textes für den 3.10.2004, und da wird das Publikum ihn hoffentlich so verstehen!

Westphals Tod
271. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 16.11.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Der König der Vorleser, Gert Westphal, ist im Alter von 82 Jahren in einer Züricher Klinik an Krebs gestorben. Dazu unser Gastkommentar von Ronald Meyer-Arlt, Hannover: „Natürlich war es die Stimme, diese sonor-souveräne, den Zuhörer sicher auch durch die verschachteltsten Textkonstruktionen leitende, aber immer auch zu allem möglichen Schabernack fähige Stimme. Sie hat den großen Rezitator Gert Westphal berühmt gemacht. Sie war sein Markenzeichen; wer sie zufällig hörte, morgens oder abends im Radio bei einer seiner vielen, vielen Vorlesessendungen, der wusste, dass jetzt nichts Dummes kommen konnte. Keine dummen Texte, denn Westphal hat Weltliteratur gelesen – Fontane, Goethe, Heinrich Heine, Hermann Hesse und Thomas Mann, immer wieder und am liebsten Thomas Mann. Und er hat die Literatur beim Lesen nicht kleiner gemacht, als sie ist, was ja leicht passieren kann, sondern manchmal sogar ein wenig größer – was schwierig ist bei den Großen, die er gelesen hat, aber eben doch nicht unmöglich. Sein Lesefluss war nie nur breit und mächtig, nie nur eilig und verspielt, sondern immer alles zusammen und jede Minute anders. Dem „Zauberberg“ hat er gerade so viel  Ironie beigemengt, wie er es verträgt, „Dr. Faustus“ geriet manchmal drohend, aber nie zu dunkel. Westphal wusste immer ganz genau, wo die Interpretation aufhört und die Übertreibung beginnt. Und in diesen selbst gesteckten Grenzen hat er sich hochsouverän bewegt und sich manches Kieksen und Gnickern, manches Belfern und Bollern erlaubt – alles zum Wohl seiner Texte und zur Freude seiner Zuhörer. Er hat Figuren kenntlich gemacht, indem er ihnen Sprechfarben gegeben hat, aber er hat die Figuren, auch die komischsten, nie karikiert. Westphal, der ausgebildete Schauspieler, der mehr als zwanzig Jahre lang dem Ensemble des Züricher Schauspielhauses angehörte, war ein hervorragender Spieler, gerade weil er das Spiel konsequent in den Grenzen hielt, für die er sich zuvor entschieden hatte. Auf der Bühne lesend wirkte er manchmal wie ein Dompteur der Worte,...“

Radio-Revue
270. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 13.11.2002

Hochverehrte Leserschaft!

„Kein schöner Ort, darauf mein Wort, ist mir bekannt im ganzen Land als Bordenau, wow, Bordenau! Hinter Hildesheim und Bremen sollten sie sich wirklich schämen, denn da kennt wahrscheinlich keine Sau, unser schönes Bordenau.“ Da ist nun nicht Hoppeditz-Erwachen, sondern ein Ausschnitt aus Andreas Hagemanns Bordenau-Lied aus der „Vielstimmigkeit der Deutschen – eine erlesene Revue (I)“ von Anfang Oktober 2002. Alle , die auf Grund der Herbstferien verhindert waren dabei zu sein, können nun den Mitschnitt der Revue am kommenden Samstag, dem 16.11.2002, über UKW 106,5 MHz zwischen 17.00 und 19.00 Uhr doch noch miterleben – als Kooperation zwischen dem Lokalradio Neustadt und Radio FLORA, Hannover.  Und da Moderator Peter Mürmann so verbindlich durch das Programm führt, hat es Hörspielqualitäten angenommen; auch wenn man die vielen theatralisch-cineastischen Effekte nicht mitbekommt, wie zum Beispiel Laura Krajewskis Barrennummer zu Joachim Ringelnatzens fast  gleichnamigen Gedicht. Aber das könnten Sie bei der Präsentation des Videofilms der Revue am Sonntag, dem 8.Dezemeber 2002, ab 18.00 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus – zusammen mit der Weinprobe eines Kaiserstühler Bio-Winzers genießen. Um den festlichen Rahmen noch zu kronen, wirken wieder  die sechs Musiker der Revue mit: Carola Faber, Pia Hagemann, Frauke Hohberger, Johannes Faber, Andreas Hagemann und Andreas Wittich, die ein paar wunderschöne Stücke spielen und singen werden. „Es ist ein wirklich schönes Dorf, ganz in der Nähe sticht man Torf und etwas weiter dann das Meer! Bitte sehr, oh yeah! Kommst Du von oben, von Nienburg droben: ist auch ganz leicht! Kurz hinter „Neuer“stadt `ne alte Furt es hat, schon ist`s erreicht“ Hat Ihr Dorf auch schon eine Hymne?

Heitere Lesung
269. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 6.11.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Das kann ja heiter werden, heißt es am Sonntag, dem 10. November, ab 16.00 Uhr in der Scharnhorstschule in Bordenau, wenn nicht nur Geschichten von Komiker Heinz Ehrhardt auf dem Programm stehen. Die Mitglieder des Arbeitskreises von „Bordenau – Unser Dorf liest“ werden selbst ausgewählte heitere bis komische Geschichten u.a. auf Plattdeutsch, Geschichten  von Wolfgang Hildesheimer, Peter Rühmkorff, Hermann Harry Schmitz, Hugo Wiener, Winfried Bornemann sowie selbstverfasste Texte von Ingrid Fischer-Kumbruch, den Eheleuten Beermanns, Helga Vater und Peter Mürmann. „Das verliehene Buch“ von Hermann Harry Schmitz aus dem „Buch der Katastrophen“ behandelt ja ein gängiges Thema aus der Welt der Bücher: „ Es war ein prächtiges Buch mit Goldschnitt und Damasteinband, das in der guten Stube auf dem Tisch lag. Es war ein sehr langweiliges Buch mit schlechten, sehr schlechten Illustrationen. Es war der Stolz der ganzen Familie. Nur der Vater durfte das Buch in die Hand nehmen. An Festtagen setzte sich der Vater sonntagsangezogen in die gute Stube und las der Mutter und den Kindern mit sonorer Stimme und falscher Betonung aus dem feinen Buch vor. Würdevoll und prätentiös wusch er sich vorher die Hände. Häufig unterbrach er das Vorlesen und erklärte die Abbildungen. Die Kinder machten verständige Gesichter und große kluge Augen; sie kniffen sich heimlich gegenseitig in die Beine. – Herr Mehlenzell war ein Bekannter des Vaters; er hatte einen Kolonialwarenladen und schrieb an. Man brauchte viel im Haushalt, und das Gehalt des Vaters war klein. Herr Mehlenzell bat eines Tages den Vater, er möchte ihm das prächtige Buch leihen. Der Vater erbleichte; er konnte nicht gut nein sagen....“ Doch dann dauerte es Wochen, bis das Buch wieder in die Familie zurückkam, und es war nicht mehr wiederzuerkennen. Doch davon mehr am nächsten Sonntag. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.

Hesse - Herbst
268. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 23.10.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Wer im Herbst eines mühsamen, doch nicht glücklosen Lebens sich, von der Jugend belächelt, der einstigen Wege erinnert und Pilgerfahrten, deren gemeinsames Ziel ihm damals stets durch andere, nähere Ziele verdeckt war, dem liegt fern der Gedanke an Feste und Feiern, fern auch die Lust am Ruhm und ehrendem Beifall. Ihm liegt näher, die Stille zu suchen, sich selbst auszulöschen und in die Wälder zu gehen, wie jener indische König es tat, um sich in Einfalt und Ehrfurcht sich den Gesetzen, sich den Göttern zu stellen... Doch auch dies Letzte ist Gnade und menschlichem Willen nicht erreichbar wie alle Erfüllung. Magst du es treu erstreben, magst du in Arbeit, in Opfer, in Zucht und Askese dich bemühen, nie bringt dich der bloße Wille über den Kampf hinaus und die Plage. Und so ist Frommsein, ist innre Bereitschaft, ist Ergebung allein die echte Kindesgebärde des Menschen zu Gott hin. Euch, ihr Freunde, euch wenigen, die aus der Jugend her mir geblieben, euch, Geschwistern, euch Freunden , die noch den Garten meiner Kindheit gekannt, und euch anderen, wenigen, die innrer Geschwisterschaft Ahnung zu mir gezogen, schreib` ich, dankbar für Unaussprechliches, diesen herbstlichen Gruß. Ich schreib` ihn, rufe ihn nicht an bekränzter Tafel von Mund zu Ohr, send` ihn nicht Aug in Auge, denn so sind mir die Lose gefallen, dass Umweg mir statt des Weges sich bot, Schreiben mir die Rede ersetzt, und das Leben nicht im traulichen Kreis mir oder im Gewühle blutigen Nahkampfs seine zeugenden Blicke ins Herz wirft, sondern dass ich der Einsamkeit, dass ich der Trennung und Ferne bedarf und der frommen Betrachtung, um des Erlebten Herr zu werden. Ich weiß: mehr als jemals ist solches Verhalten heut der Menge verhasst oder lächerlich. Lächerlich: weil wir ihr scheu erscheinen, ja feige, weil sie Denken verachtet und Flucht schimpft. Und verhasst: denn wir setzen dem germanischen Blutkult unsern Glauben entgegen und dienen dem Geiste. Nun, ihr Freunde lasset mich sein wie ich bin, duldet mich, weil uns Liebe verbindet, und ihr findet in meinem bedächtig Geschriebenen das lebendige Wort, das liebende,... so 
Hermann Hesse 1937
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Renate Klöppel
267. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 16.10.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Bordenau – Unser Dorf lässt lesen: am Freitag, dem 18.10.2002, um 20.00 Uhr Scharnhorstschule Bordenau besucht uns die Autorin Renate Klöppel, um aus ihrem Buch „Der Pass“ vorzulesen. Zum Inhalt: Mit einer kleinen Reisegruppe macht sich die 48jährige Anne auf, um sich nach dem Scheitern ihrer beruflichen Karriere und dem Ende ihrer Ehe in den Bergen des Himalaya ihre Stärke zu beweisen. Schon am Flughafen in München begegnet sie dem etwa gleichaltrigen Rainer und seiner Tochter, deren Beziehung zu den dunklen Seiten ihrer eigenen Vergangenheit sie bald ahnt..... Diese Geschichte ist spannend geschrieben und tiefgründig packend. Sie führt uns in immer deutlicheren Rückblenden in das politisch aufgewühlte Deutschland der Siebziger Jahren und verführt uns in den Reiz der ewigen Weite der Berge... Zur Autorin: Renate Klöppel wurde 1948 in Hannover geboren, ihr Vater Adolf Kiel wuchs in Poggenhagen auf, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Renate Klöppel ist Ärztin für Kinderheilkunde und Dozentin für Musikpädagogik und Lernpsychologie. Seit 1999 schriftstellerische Arbeiten , u.a. die Krimis „Der Mäusemörder“ und „Die Tote vom Turm“. Der Roman „Der Pass“ wurde in diesem Jahr bereits in der HAZ abgedruckt. Herzliche Einladung also an alle Himalaya-Fans und jene, die sich für die aktuellere deutsche Geschichte Interessierten!

Kinder- und Jugendliteratur
266. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 12.10.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Am Mittwoch, dem 16. Oktober 2002, stellen von 16.00 bis 18.30 Uhr Diplombibliothekarin Julie Beutel und der Freie Kritiker Martin Drebs in der Stadtbibliothek Neustadt am Rübenberge wieder Neuerscheinungen der Kinder- und Jugendliteratur vor. Während die Büchermesse in Frankfurt brummt und sich in überflutender Letterhaftigkeit verliert, können Erzieherinnen, Erzieher, Lehrer, Lehrerinnen, Eltern und Kinder- und Jugendbuchfans in gemütlicher Runde bei Kaffe, Tee und Keksen in Ruhe die Auswahl der beiden genießen. Jedes Jahr bemühen sie sich bei der gemeinsamen Veranstaltung von Stadtbibliothek und VHS Hannover Land, aus dem Lesenswerten das Lesbare den entscheidenden Multiplikatoren vorzulegen: Bücher, die Kinder und Jugendliche tatsächlich lesen, Bücher für verschiedene Altersstufen und literarische Besonderheiten. Gemeinsam wird den Fragen nachgegangen: Welches Buch schenke ich meinen Kindern zu Weihnachten oder zum Geburtstag? Welches Buch kann ich als nächstes mit meiner Klasse lesen? Welches Bilderbuch kann ich für meinen Kindergarten kaufen oder ausleihen? Die Besucher erhalten eine kommentierte Auswahlliste der vorgestellten Bücher. Darunter sind auch die diesjährigen Preisträger des Jugendliteraturpreises. Herzliche Einladung zu dieser Informationsveranstaltung in der Stadtbibliothek. Gerade die Bibliotheken haben im Bereich der Kinderliteratur eine ganz wichtige Bedeutung: sie bewahren und beschützen die guten Kinderbücher, die sonst nach den Gesetzen des freien Marktes oft nach kurzer Zeit untergehen. Und sie sind eine sozialkulturelle Einrichtung für alle Kinder der Stadt, die sich die oft teuren Bücher nicht leisten könnten. Und: Julie Beutel ist es mit ihrem professionellen und engagierten Blick auf das Angebot immer wieder gelungen, hochwertige Bücher auszuwählen, die auch die Kinder und Jugendlichen sehr gerne lesen. Die steigenden Ausleihzahlen beweisen das! Darunter dann auch schon Preisträger für das nächste Jahr! Kommen Sie bitte!

Nachlese 3. Oktober 2002
265. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 9.10.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Hups, was haben wir denn da wieder geschafft! Vor 220 begeisterten Besuchern wirkten bei der „Vielstimmigkeit der Deutschen“ u.a. mit: der MGV Bordenau, das Fanfarencorps Bordenau, Carola und Johannes Faber sowie die 10jährige Lena Wittich mit der Kinderhymne von Bertolt Brecht. Zwischen Heimatliebe und Weltbürgertum forderte der Männergesangverein mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ demokratische Grundrechte ein. Es war eben keine knochentrockene Schulstunde, auch kein bunter Abend unter dem Motto „Was sind wir alle aufgeklärt!“. Sondern es hatte viele ergreifende Momente, so im traurig gewisperten „Kein schöner Land“ von Frauke Hohberger oder Pastorin Angelika Schmidt mit Diedrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ zu dem Lied „Wir sind die Moorsoldaten“ oder David Wotzkos Trompetensolo. Andreas Wittichs Klarinettenimprovisation leitete ein furioses Finale ein, in dem der MGV den Text der 3.Strophe des Deutschlandliedes zu Beethoven Neunter Sinfonie „Alle Menschen werden Brüder“ intonierte. Zu Beginn riefen uns die Völker der Welt beim Namen, dann erinnerten wir an die anspruchsvollen Artikel unseres Grundgesetzes und gipfelten in der Charta der Menschenpflichten. Peter Mürmann führte souverän durch das Programm, als Anwalt des Publikums immer auf verbindliche und verbindende Töne bedacht. Gerade weil bei unserer „Vielstimmigkeit“ so viele unterschiedliche Gruppen aus Bordenau mitmachten, wurde es ein besonderer Erfolg. Und eine Besucherin: „ Ich habe einiges gelernt, und es hat gar nicht wehgetan!“ Nun geht es weiter mit Renate Klöppels Lesung aus ihrem Buch „Der Pass“ am Freitag, den 18.10.2002, um 20.00 Uhr in der Scharnhorstschule Bordenau: Mit einer kleinen Reisegruppe macht sich die 48jährige Anne auf, um sich nach dem Scheitern ihrer beruflichen Karriere und dem Ende ihrer Ehe in den Bergen des Himalaya ihre Stärke zu beweisen. Schon am Flughafen in München begegnet sie dem etwa gleichaltrigen Rainer und seiner Tochter, deren Beziehung zu den dunklen Seiten ihrer eigenen Vergangenheit sie bald ahnt.... Spannend geschrieben und tiefgründig packend führt uns die Lesung in das Deutschland der Siebziger Jahre, auch eine Art aktuelles Rahmenprogramm für unsere Revue.

Zum Geleit am 3. Oktober 2002  
264. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 02.10.2002

Hochverehrte Leserschaft!

Dr. Werner Besier aus Bordenau schreibt im Programmheft zum 3.10.2002: Vielstimmigkeit der Deutschen –eine erlesene Revue(1) ein wohlwollendes und gleichsam mahnendes Geleitwort. Wir dokumentieren hier den Anfang: „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung.“ Das Wort aus der jüdisch-christlichen Tradition ist nicht unbedingt Maßstab für das Bordenauer Unternehmen vom 3.10.2002. So weit und so tief wollten die Akteure nicht gehen, als sie eine Revue, also eine Wiederschau, zum deutschen Nationalfeiertag planten. Die Stärke der Veranstaltung liegt dann auch wohl eher in der Präsentation von Vielem durch viele, in der Erfahrung von Gemeinschaft, die sich in großer Toleranz der Mitwirkenden untereinander auf einer Bühne darstellt. Die verbliebenen Eindrücke aus der erfahrenen Vergangenheit der Teilnehmer sind, so scheint’s, Kriterien für die Auswahl der Programmstücke gewesen. Das lässt begrenzte Sicht zu, ist aber wohl auch kluge Entscheidung. Denn nur so können die vielen Mitwirkenden ihre persönlichen Fähigkeiten einbringen und ihre persönlichen Bedürfnisse erfüllen. Verfassungspatriotismus, sicher ein hehres Ziel, dem ich mich sofort anschließen kann, und es tut ja auch einem bisher noch wenig geliebten Tag der Deutschen gut. Klarheit und analytische Schärfe, wie sie wissenschaftliche Haltung erfordert, sind hier nicht einzufordern, sie wären vielleicht sogar eher hinderlich. Als wissenschaftlicher Beirat habe ich während des letzten Jahres auf Bitten von Martin Drebs fungiert, was sich in drei Stellungnahmen zum Programmentwurf einschließlich des programmatischen Vorworts äußerte. Einen Diskurs darüber haben wir nicht geführt, aber ich war doch beeindruckt von der großen Anstrengung, die die Projektgruppe unternommen hat, um ihr Vorhaben zu realisieren. Sowohl der Umfang des Programms und seine Vielfalt wie auch die künstlerische Potenz (musikalischer und präsentativer Art) verdienen hohen Respekt. Aus meiner Sicht müssen bei der Beschäftigung mit deutscher Geschichte etwa folgende Kriterien gelten: Mythologisierung führt zur Verunklarung, romantischer Idealisierung, die, wenn sie zur Politik wurde, ins Verderben führte. Geschichte ist immer zwiespältig, so wie das Böse und das Gute im Menschen zu ihm an sich gehören. Daher hoffe ich, dass die Aufführung die neudeutsche Befindlichkeit vermeiden kann, „die Entspanntheit zur ersten Bürgerpflicht erhoben hat“ (Jens Jessen)...“

 
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