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Unser Dorf liest

Arbeitskreis 
"Unser Dorf liest"

Kolumnen - Archiv 1.10.2000 - 31.12.2000

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Jahresbericht
172. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 27.12.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Auch eine Art Jahresrückblick: im Januar veranstalteten wir eine literarisch-musikalische ZEITREISE, im März eine Lesung und Videofilm der Apothekerin von Ulrike Noll mit geistigen Getränken, wir trafen uns zum Arbeitskreis, im Mai beteiligten wir uns am Dorfwettbewerb, beim Pfingstfest Bordenau mit der Schülerszene aus FAUST , Ende Juni gab es in Zusammenarbeit mit dem Kulturkaleidoskop Scharnhorstbriefe literarisch-musikalisch in der Thomaskirche, im Juli las  Manja Chmiel aus ihrer Autobiografie: „Ich wählte den Tanz“, Mitte August fuhren wir zu Günter Grass nach Mön,  unsere dänischen Partnergemeinde von UNSER DORF LIEST („Wenn Grass nicht nach Bordenau kommt, muss Bordenau zu Grass“ – Marcel Reich-Ranicki), beim Stiftungsfest Bordenau traten erstmals Mephisto und Faust auf, Mitte September wurde es in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Tierisch-Allzutierisch, Ende September gab es im Rahmen der Bordenauer Faustfestspiele eine theatergeschichtliche Übersicht von Elisabeth Englisch-Terbuyken, am Tag der poetischen Wiedervereinigung lasen spielend und spielten lesend 70 Mitwirkende 15 Stunden lang den Bordenauer Faust vor 1111 begeisterten Zuhörern, Ende November traf Bordenau auf Afrika: Ingrid Fischer.Kumbruch erzählte im Rahmen der Schreibwerkstatt über ihre Zeit in Afrika, im November/Dezember wurde das FAUST-Video in der Medienwerkstatt Linden fertiggestellt. Dann gab es insgesamt fünf Schreibwerkstätten in der „Werkstatt Bordenau“, unter Anleitung von Klaus Detering wirkten wir an der Bordenauer Homepage mit und 52 Mal veröffentlichte die Neustädter Zeitung unsere literarischen Häppchen (ARCHIV). Welch ein Jahr! Danke an alle und schauen Sie doch mal rein im neuen Jahr!

Analphabet
171. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 20.12.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Neulich beim Weihnachtsmarkt beobachtete ich am Rande des Karussells eine sonderbare Begegnung: ein etwa 12jähriges Mädchen hielt einem gleichaltrigen Jungen ein Blatt Papier hin, das sie ihm offenbar aufzudrängen versuchte. Er wehrte das unwillig ab und wollte wohl nur auf das sich drehende Karussell blicken, auf dem ab und an ein kleiner weißer Elefant erschien. Doch das Mädchen ließ nicht locker, und ich dachte nur, wieder so ein Kind, das nicht lesen will. Immer näher kam ich an die beiden heran. „Lass mich!“ hörte ich den Jungen sagen. Da sah ich, dass auf dem Zettel wohl eine Geschichte stand mit einer in größeren Lettern lesbaren Überschrift: Weihnachten ist auch für dich da! „Ich will nicht!“ brüllte der Junge wieder. – „Lies doch mal die Überschrift!“ bat das Mädchen inständig! „Wenigstens die Überschrift, bitte!“ Da schaute der Junge auf und blickte sie unverwandt an. „Dankeschön!“ sprach er mit großem Ernst und dabei hatten seine Augen etwas ganz Trauriges. „Aber ich kann nicht lesen! Ich bin Analphabet.“ Das Mädchen zuckte augenblicklich zusammen, machte einen Schritt auf den Jungen zu und nahm ihn kurz entschlossen in den Arm. Er ließ es ergeben geschehen. Später sah ich die beiden bei Hibbe in der Spielzeugabteilung sitzen: Sie las ihm die Geschichte vor.

Sommerweihnacht
170. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 13.12.2000

Hochverehrte Leserschaft!

In Tilman Winklers Ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichten kommt es angesichts des allgemein milden Klimas zu einem nicht ganz ernstzunehmenden Gespräch zwischen Kirchen- und Handelsvertretern: „Übrigens,“ sagte Dr. Schmidt-Kerbholz, „ haben Sie einmal darüber nachgedacht, dass die Australier Weihnachten im Sommer feiern? Wenn das wirklich so ist, dass die Menschen ein so überaus starkes Bedürfnis nach mehr Weihnachten haben, und wenn wir zugleich sehen, dass in so vielen anderen christlichen Ländern Weihnachten auch außerhalb der Winterszeit gefeiert wird, dann drängt sich doch die Frage auf: Kann man nicht den Menschen entgegenkommen, vielleicht mit so etwas ... so etwas wie einem zweiten Weihnachtsfest im Sommer...“ – „Pfhh“ machte der Bischof und spuckte seine Röhrennudeln auf den Tisch, dass die Adventskerze flackerte. Er hustete und wischte sich mit der Serviette die Stirn. Dr. Schmidt- Kerbholz ließ dem Bischof keine Zeit. „Lassen Sie mich ganz ungeschützt reden und einfach einmal phantasieren. Ich könnte mir so etwas wie eine „Sommerweihnacht“ in Deutschland vorstellen, ein zusätzliches Weihnachtsfest gewissermaßen zur Erinnerung an Weihnachten, ein Fest der guten Gabe Gottes für die Menschen...“ Der Bischof war konsterniert. „Hören Sie, sagte er undiplomatisch, „das ist doch verrückt!“ – „Gottchen! Was heißt verrückt!“ entgegnete Dr. Schmidt-Kerbholz beschwichtigend. „ In Australien gibt es Bestrebungen, ein Weihnachtsfest im Juni einzuführen, weil dann Winter ist. Wieso sollten wir nicht einen ähnlichen Schritt tun?“ Der Bischof schüttelte energisch den Kopf. „Sommerweihnacht!“ rief er entsetzt, „Wenn ich das bloß höre.“ – „Das christliche Weihnachtsfest in Australien, in Neuseeland, in Argentinien, in Chile und in so vielen anderen Ländern ist ein Sommerweihnachtsfest“, eiferte Dr. Schmidt-Kerbholz. „Auch wir sollten ein Sommerweihnachtsfest einführen. Es soll nichts anderes sein als ein Fest der Kirche und der christlichen Religion. Und es soll getragen werden von der bewährten Arbeitsgemeinschaft zwischen Kirche und Einzelhandel. Alle profitieren von einem solchen zusätzlichen Fest, alle.“

Alter schützt vor Liebe nicht
169. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 6.12.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Heute meldet sich das „Poggenhagener Dorftheater“ an dieser Stelle zu Wort. Wir, ein Volkstheater, das den Menschen zum Lachen bringen und sie die Alltagssorgen vergessen lassen möchte, sind dankbar und ein wenig stolz für und auf die 18jährige Treue unserer Anhängerschar. Sie werden allerdings feststellen, dass wir jetzt die Nase ein bisschen höher tragen. Natürlich werden Sie fragen: Warum? Ja, das liegt doch ganz klar auf der Hand! Nachdem wir in Bordenau die „Klassische Walpurgisnacht“ mitgestalten durften, sind wir vom fantastisch  „faustischem Goethe-Erlebnis“ geprägt! Sie werden es feststellen, denn mit unserem diesjährigen Theaterstück fühlen wir uns nun „wahlverwandt“(!) mit Goethe. Unser verehrter Johann-Wolfgang hat nie etwas anbrennen lassen, für ihn war „Alter schützt vor Liebe nicht“ überhaupt kein Thema! Also, warum zögern Sie noch? Wir laden Sie herzlich ein nach Poggenhagen ins Evangelische Gemeindehaus in der Bonifatiusstrasse. Wir spielen am 9., 10., 15., 16. und 17.Dezember. Wochentags um 20.00 Uhr und sonntags um 16.00 Uhr.

FAUSTvideo
168. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 29.11.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Heute sprechen wir mit Klaus Detering, dem Betreuer der Heimatseite www.Bordenau.de, über sein neues Filmprojekt „Bordenauer FAUST – Das VIDEO“. Wie kam es dazu? Ursprünglich sollte das Projekt vom 3.10.2000 wegen seines Lesungscharakters nur zum Hören aufgezeichnet werden, doch mit zunehmender Spielfreude hätte ich es doch schade gefunden, wenn man die außergewöhnlichen Leistungen der Mitwirkenden nicht auch hätte sehen können. Und ich habe mich gefragt: Haben wir Bordenauer das wirklich geschafft? Ja, der Film ist der Beweis und zwar „summa cum laude“ – wie eine Zeitung berichtete. Frage: Haben  Sie denn wirklich die ganzen 15 Stunden gefilmt? Es sind sogar noch mehr Stunden, denn es wird nicht nur über die Aufführung berichtet, sondern auch über die Vorbereitungen, die Proben, besonders die Generalprobe, in der Alexander May den Zeitplan sprengte und Theaterlektionen erteilte. Die Szenische Lesung selbst musste für den etwa vier-stündigen Film geschickt gekürzt werden. Wir wollten alle Mitwirkenden und die Höhepunkte zeigen, ohne den Handlungsfaden zu verlieren. Frage: Nun ist ja die heutige Technik so weit, dass alles ruckzuck fertig ist? Nein, nein, das ist schon sehr viel Mühe; wir arbeiten fieberhaft an der Fertigstellung. Das Filmmaterial muss gesichtet, gekürzt, kopiert und geschnitten werden. Dabei hilft uns die Medienwerkstatt Linden. Besonderer Dank geht dabei an Bernd Wolter!  Frage: Wann kann man den Film endlich sehen? Er wird beim Faustnachtreffen am Freitag zum ersten Mal  in Ausschnitten gezeigt und beim Weihnachtsmarkt in Bordenau am Sonntag ab 17.00 Uhr in der Kirche einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt; dabei kann man ihn auch käuflich erwerben als Weihnachtsgeschenk sozusagen. Wir bereiten aber auch sogenannte Langfassungen vor, auf denen alles Filmmaterial dokumentiert ist. Danke für das Gespräch und viel Erfolg!  

Afrikaingrid
167. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 22.11.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Unsere Bordenauerin Ingrid Fischer-Kumbruch, Trägerin des diesjährigen Förderpreises der Stiftung Bordenau, unterstützt seit vielen Jahren das lesende Dorf, zuletzt beim Bordenauer Faust. Als Mitglied der Schreibwerkstatt ist sie mit ihren afrikanischen Geschichten nun selbst einmal Thema: Mit dem Titel „Afrikanische Begegnungen“ wird sie am Montag, dem 27.11.2000, ab 20.00 Uhr im Seminarraum  der Scharnhorstschule Geschichten vortragen, die wir aufzeichnen und verschriftlichen wollen. Gäste sind für eine kleine Spende Eintritt gern willkommen. Unter dem Titel „Ich sehe und erkenne dich“ schrieb sie folgende Geschichte: Zum Verständnis füreinander – so meine ich – muss man sich ansehen, nur so kann auf natürlichste Art eine gewisse Partnerschaft entstehen – durch helle, von innen her leuchtende Augen mit grauen, blauen und grünen Tönen, in denen eventuell noch Äderchen zu erkennen sind, ist das leichter als durch „Schokoladenplätzchenaugen“. Als Kind von 3 Jahren kam ich damals in den Tropen, dem ältesten Hausboy gegenüber stehend, zum ersten Mal mit diesen Augen in Kontakt. Er, der „Hamis“, stammte aus dem Landesinneren und war von sehr dunkler Hautfarbe mit ebenso dunklen Augen, die einen intensiv, kritisch, ja fast durchbohrend ansahen. Er hatte eine sehr gute Meinung von uns, dank entsprechender Erfahrung bei meinem Vater. Bei ihm war er schon vor dem ersten Weltkrieg als Kinderwasserträger. Sein Gesicht hatte einen ernsten, aber nicht unfreundlichen Ausdruck. Was dachte er wohl über dieses weiße „Toto“ (Kind)? Aber eines kam doch klar zum Ausdruck: und zwar, dass er sich als Beschützerperson mit Verantwortung für mich fühlte. Das erkennt man bei solch´ dunklen Augen ja nicht nur an der Pupillenöffnung, sondern am Hin- und Herzucken des Augapfels unter den Lidern.

Feliebt
166. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 15.11.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Liebe Kinder! „So schnell er kann, rennt Thomas nach Hause. Er muss es unbedingt Mama erzählen. Er streckt beide Arme aus und schwenkt sie hin und her. Ich fliege, denkt er. Ich schwebe über den Häusern zu Mama. Thomas stolpert und stürzt auf den Gehweg. Kloink. Autsch. Ihm tun die Knie weh. Eine Weile bleibt er liegen. Dann sieht er neben sich zwei Schuhe mit dicken Absätzen. Thomas blickt hoch, direkt in das Gesicht einer alten Dame. „Aber Junge“, sagt sie und hilft ihm aufzustehen. „Hast du dir wehgetan?“ Thomas reibt sich die Knie. „Du solltest dir die Schnürsenkel binden.“ Thomas nickt und geht weiter. „Deine Schnürsenkel!“ ruft die Dame. Thomas rennt los und bald fliegt er wieder. Durch den Garten und die Küche ins Wohnzimmer. Dort sitzt Mama am Tisch mit Tante Miep. „Mama! Mama! Ich bin feliebt!“ „Was hast du angestellt?“ fragt Mama. „Deine  Hose hat ja ein Loch und dein Knie blutet.“ – „Nicht schlimm“. „Doch schlimm. Die Hose ist noch neu.“ – „Ja, aber Mama, ich bin feliebt.“ „Zieh dir die Hose aus, damit ich den Knie sauber machen kann.“  „Ja,aber Mama...“  „Bitte Thomas. Dein Knie ist voller Dreck.“ Tante Miep nickt und sagt: „Und alles nur wegen der Schnürsenkel. Du sollst sie doch zubinden.“ „Mama...“ „Zieh die Hose aus, Thomas.“ Thomas seufzt und zieht die Hose aus. Seine Mutter holt eine Schüssel mit Wasser und ein Tuch. Vorsichtig tupft sie sein Knie sauber. „Warum musst du auch so schnelll rennen!“ „Ich wollte schnell zu Hause sein, um dir von Röschen zu erzählen. Ich bin feliebt in sie.“ „Soso“, sagt Tante Miep. „Heutzutage fängt die Jugend schon früh damit an. Wie alt bis du denn jetzt, Thomas?“ „Sieben, fast acht.“

Diese von Jacques Vriens und andere Liebesgeschichten, Kinderbücher, Bilder- und Sachbücher stellen Julie Beutel und Martin Drebs für Eltern und Fachkräfte am nächsten Mittwoch, dem 22.11.2000 um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek vor.

Frage der Ehre
165. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 08.11.2000

Hochverehrte Leserschaft!

In unserem heutigen Gerichtskrimi äußert sich Jack Nicholsen als Colonel Nathan R.Jessep in dem Film „Eine Frage der Ehre“ zur Dialektik von Freiheit und Militär: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht vertragen. Junge, wir leben in einer Welt voller Mauern und diese Mauern müssen von Männern mit Gewehren beschützt werden. Und wer soll das tun? Sie ? Ich trage eine größere Verantwortung, als es für Sie überhaupt vorstellbar ist. Sie weinen um Santiago (gemeint ist der Tod eines Soldaten auf seinem Stützpunkt) und Sie verfluchen die Marines. Sie geniessen den Luxus, sie geniessen den Luxus nicht zu wissen, was ich weiß: dass Santiagos Tod zwar tragisch ist, aber wahrscheinlich Leben gerettet hat, und dass meine Existenz, obwohl sie Ihnen grotesk vorkommt und unverständlich ist, Leben rettet. Sie wollen das nicht wahrhaben, denn tief in Ihrem Inneren, doch das sagen Sie nicht auf Parties, wollen Sie, dass ich an dieser Mauer stehe, Sie brauchen mich an dieser Mauer. Wir stehen zu Worten wie Ehre, Codex, Loyalität. Für uns sind diese Worte die Plattform eines Lebens, das wir leben, um etwas zu verteidigen, für Sie sind das nur Sprüche. Ich habe weder die Zeit noch das Bedürfnis, mich hier zu verantworten, vor einem Mann, der unter die Decke jener Freiheit schlüpft, die ich den Menschen täglich gebe und der dann die Art anzweifelt, wie ich das mache. Ich würde es vorziehen, wenn Sie nur Danke sagen und dann weitergehen würden. Andernfalls schlage ich vor, dass Sie eine Waffe in die Hand nehmen und die Wache übernehmen. Auf jeden Fall ist es mir vollkommen  egal, was Sie denken, wozu Sie ein Recht haben.“
Soweit Col. Jessep! Wie wird das Streitgespräch zwischen Ankläger und Jessep ausgehen? Welche Freiheiten meint der Colonel? Hat er gelobt, sich für diese Freiheiten einzusetzen? Welche Rechte hat der andere? Wie weit darf das Militär gehen? Wird der Militärrechtsanwalt den Colonel  überführen, dass er durch die Anwendung des „Code Red“ (die angeordnete Prügelstrafe gegen Kameraden) gegen genau die Freiheit verstoßen hat, die er zu verteidigen vorgibt?

16. Jahrhundert
164. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 01.11.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Man schrieb das Jahr 1588. Es war morgens 7 Uhr an einem Maitag. Der Bordenauer Pastor Cord Homeyer musste sich vor der Visitationskommission einer Prüfung unterziehen. Er bestand mit „utcunque“, das war ausreichend. Außer ihm bestanden noch weitere acht Pastoren von insgesamt 17 mit derselben Bewertung. Zwar hatte Homeyer an einer Universität studiert, was als Qualifikationsmerkmal galt, er gehörte aber bereits zu den Älteren, die in der Regel schlechter abschnitten als die Jüngeren. Interessanter ist aber ein anderer Aspekt: Homeyer nutzt die Gelegenheit, um sich über seine materielle Lage zu beschweren. Er klagt, dass seine Äcker an die Höfe ausgetan seien, nichts davon könne er gebrauchen.  Das hat Folgen. Im Jahre 1589 findet ein reger Briefwechsel statt zwischen der fürstlichen Kanzlei in Hannover, dem Amt Neustadt und der Pfarre Bordenau. Es geht um Folgendes: Etliche Pfarrkinder verpfänden und veräußern die Pfarrländereien und –wiesen, die sie inne haben und von denen der Pfarrer seinen Unterhalt haben soll, und geben keinen Zins. Der Streit endet vorläufig mit einem fürstlichen Befehl und Abschied vom 14.Oktober 1589. Aber das war nur vorläufig. Denn die Kontrahenten gaben keine Ruhe. Noch 1597 beschwert sich der Pastor, der Abschied funktioniere nicht: Hans Elgarshausen war drei Jahre lang den Zins schuldig geblieben und musste aus Armut, aber mit Genehmigung des Amtmannes, alles Vermögen verkaufen, die Pfarrgüter natürlich ausgenommen. Die aber, einschließlich des Eigenbesitzes des Hans Elgarshausen hatte „der fürstlich Soldat, einer der Arts Brun Kahle genannt“ gekauft und also den Pastor uff kein Erlauben diesselben angegriffen und seiner Gelegenheit nach bestellen lassen wollen, sein Gesind mit einer barten und Forcken zugelauffen, ihme das Pflügen verboten, vor die Pferde getreten und ihm keinen Fortgang zur Arbeit gestatten wollen...“ Wie die Geschichte weitergeht, können Sie in dem Buch „Bordenau im 16.Jahrhundert“ von Werner Besier mit Radierungen von Stephan Schäfer lesen.

Todeserfahrung
163. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 25.10.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Der Tod gehört zum Leben wie zur Literatur. Rainer Maria Rilke beschreibt in seinem Gedicht „Todeserfahrung“ die Nähe von Lebensbühne und Theater: Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, Bewunderung und Liebe oder Hass dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund tragischer Klage wunderlich entstellt. Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt. Doch als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald. Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes hersagend und Gebärden dann und wann aufhebend; aber dein von uns entrücktes Dasein kann uns manchmal überkommen, wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, so dass wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

Bitte lächeln
162. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 18.10.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Die Zeit wird dunkler, da beschäftigt sich Professor humoris causa Stephan Hütig mit dem lebensnotwendigen Lächeln des Menschen: „Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag“, wusste der Altmeister dieser spezifisch menschlichen Ausdrucksform Charly Chaplin. Hat er recht? Wie kommt er dazu, dass wir mittels eines überaus komplexen Zusammenspiels von über hundert Gesichtsmuskeln täglich mindestens einmal die Lippen vorsichtig schürzen und ein wenig verschämt ( lauthals lachen zählt nicht, denn schließlich lacht das Volk zuerst und man erkennt daran den Narren ) die Ansätze unserer Zähne zeigen sollen, und das auch noch zwangsweise, wollen wir nicht - laut Chaplin - des gesamten Tages verlustig gehen? Vielleicht hilft der Versuch einer phänotypischen Annäherung: Das geheimnisvollste Lächeln der Welt besitzt nach allgemeiner Ansicht Mona Lisa. Das kann sie sich auch leisten, denn ihre Tage sind ohnehin gezählt und wer im Louvre hängt, hat eh nichts mehr zu verlieren. Ein Diktator lächelt nie, und wenn doch, dann nur eiskalt; deshalb hat er wohl nicht nur einen Tag, sondern gleich einen ganzen Weltkrieg verloren. Ganz im Gegensatz dazu die heutigen Politiker, deren Dauerlächeln angeboren zu sein scheint. Und wenn Julia Roberts lächelt, erinnert sie an einen Delphin, jedenfalls hat sie offensichtlich mehr Zähne im Mund als alle anderen Hollywoodstars. Daneben gibt es übrigens genau einen Menschen, dessen Mundwinkel beim Lächeln nach unten gehen: Andreas (Andy) Möller. Ob das im chaplin`schen Sinne überhaupt genügt, jemals einen Tag nicht zu verlieren, erscheint äußerst zweifelhaft. Ist es möglich, dass es auf das Lächeln gar nicht ankommt, irrelevant für Gewinn oder Verlust unserer Tage, unbedeutend für Glück oder Unglück? Oder meinte Chaplin mit dem verlorenen Tag etwas ganz anderes? Vielleicht streng medizinisch? Hatte er damals schon eine Ahnung davon, dass heute eine immunsystemfördernde Wirkung des Lächelns wissenschaftlich verifiziert wurde? Lächeln als Beitrag zur Verlängerung der individuellen Lebenserwartung? Demographisch wertvolles Lächeln? Nein, das ist wohl auch nicht der richtige Ansatz, aber vielleicht ist Ihr Tag auch gerettet?

Westphal/Meyer-Arlt
161. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 11.10.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Unter dem Titel „Lesen und Lesen lassen“ ehrt Gastkommentator Ronald Meyer-Arlt den „König der Vorleser“ Gert Westphal: Bei Thomas Mann kann man sich gelegentlich verheddern. Ist der Satz wirklich zu Ende? Wo war doch gleich sein Beginn? Und wie viele Gedankenstriche hat der Autor über die vielen Zeilen seit dem letzten Einschnitt gestreut? Fragen, die ablenken: Das Auge gleitet über ein Stoppelfeld von Kommata zurück nach oben, sucht einen Punkt, ein Ausrufungszeichen womöglich, ein Fragezeichen zur Not auch, jedenfalls das irgendwie markierte Ende des vorangegangenen Satzes, um die Länge des eben – dann doch nicht in einem Rutsch – Gelesenen noch einmal nachträglich einschätzen zu können. Und plötzlich weiß man nicht mehr, was man gerade gelesen hat. Bei der Lektüre von „Doktor Faustus“, „Buddenbrooks“ oder „Lotte in Weimar“ aus dem Takt zu geraten, im Redefluss kurzzeitig auf dem Trockenen zu sitzen, ist nichts Schlimmes – und es gibt ein Mittel dagegen: eine Stimme, die einen beim Lesen trägt. Sonor ist sie, witzig manchmal, nie langweilig, nie maniriert und immer unglaublich souverän. Man hat sie schon öfter gehört. Es ist die Stimme Gert Westphals. Der „König der Vorleser“, wie er gern genannt wird, hat fast alles von Thomas Mann vorgelesen. Und viel von Goethe, von Heine, Fontane, Hesse oder Ovid. Er hat im Hörfunk gelesen, vor Publikum in Theatern und viel für Schallplatte, Kassette und CD. Die Erfolge von Hörbüchern in den vergangenen Jahren mögen ihm vielleicht in finanzieller Hinsicht genützt haben, seinen Ruhm konnte der boomende Markt aber kaum noch mehren. Westphal war schon vorher der Vorleser der Nation. Wer einmal einen Roman Thomas Manns von Gert Westphal in ganzer Länge (bei „Doktor Faustus“ beispielsweise verteilt auf 62 Hörfunksendungen zu 30 Minuten oder 20 Musikkassetten) gehört hat, für den ist die Stimme in Mann Gesamtwerk eingesickert. Der leiht sich einen Teil der Souveränität des Wortbändigers, liest, den Westphal-Klang im Geiste nachahmend, weiter – und gerät seltener ins Straucheln. Dafür sollte man dem (Vor-)Lesemeister, der Kompliziertes nie vereinfacht, aber Dunkles oft erhellt, mal danken. Zum Beispiel an seinem achtzigsten Geburtstag.

Das Unbeschreibliche
160. Artikel der Aktion UNSER DORF LIEST mit der Neustädter Zeitung vom 4.10.2000

Hochverehrte Leserschaft!

Wenn diese unsere Zeitung dereinst zur Tageszeitung würde, wäre folgender Text und dazu noch vom Gastkommentator Marzel Reisch-Ranitzki möglich geworden: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis;das Unzulängliche, hier wird`s Ereignis; das Unbeschreibliche, hier ist`s getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Mit diesen Worten endete gestern in Bordenau das Unbeschreibliche, das die Initiative Bordenau – Unser Dorf liest mit 70 Mitwirkenden zustandegebracht hat: die Lesung des gesamten Textes von Goethes Faust. Doch nicht ganz zuende, denn das letzte Wort des Textes „FINIS“ wurde von dem wiedererwachten Mephistopheles fragend in den Raum gestellt, in dem er vor noch einmal auf die Bühne sprang. Und damit ging die 15 stündige – man möchte sagen Szenische Lesung – wieder von vorne los und der Chorus zog „Ihr naht Euch wieder schwankende Gestalten“ murmelnd und von einem frenetisch-donnernden Applaus der hellwachgebliebenden Lesungsmarathonbesucher begleitet davon. Anders als Peter Steins Expo-Faust, der die Faustfigur gegen den übermächtigen Gründgens-Mythos des 20.Jahrhunderts stärken wollte, hält die Bordenauer Drebs-Inszenierung die Balance zwischen Gut und Böse, denn Frauke Hohberger als weiblicher Mephisto hatte nichts Nihilistisch-Dämonisches, sondern gab ihn lebendig-heiter-vielschichtig. Peter Mürmann als Faust überraschend klassisch faustisch, und eben immer präsent-glaubwürdig. Alexander May als Kaiser riss natürlich das ihn umgebende Laienensemble auf eine gewinnend-charmante Weise mit. Als die Stille eintrat nach den allerletzten spielend gelesenen und lesend gespielten Worten, waren alle Besucher nicht nur durch die herrlich vorgetragenen Goethe-Worte erfüllt, sondern hatten auch Radierungen der Werkstatt Bordenau auf hohem künstlerischem Niveau als Projektionen erlebt und die gekonnt konventionellen Kompositionen von Daniel Kosmalski genossen. Und Frau Löffler sollte erst mal das Gretchen befragen, ob es nicht auch Lust dabei empfunden hat, als Faust ihr schöne Augen machte! Der Zuspruch der Bordenauer und auswärtigen Besucher war überwältigend und sie wurden nicht enttäuscht !

 

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